Bioenergetik – ein Beitrag zur Lebensbewältigung
Manuskript zum Vortrag vom 15.3.1988 an der VHS Ingolstadt
Verfasser: Ekkehard Ortmann

Guten Abend, meine Damen und Herren !

Was ist Bioenergetik ? Wie kann uns Bioenergetik bei der Lebensbewältigung helfen ? Wo liegen die besonderen Möglichkeiten und Grenzen der Bioenergetik ? Diese Fragen werden im Mittelpunkt meines Vortrags stehen.

Zum Anfang ein Beispiel: Auch wenn ich nicht zum ersten Mal vor einer Gruppe von Menschen einen Vortrag halte, so ist diese Situation doch immer wieder aufregend für mich: einer gewissen Zahl von Menschen gegenüberzustehen, die Aufmerksamkeit dieser Menschen (d.h. Ihre Aufmerksamkeit !) auf mich und meine Worte gerichtet zu wissen, das ist aufregend, das läßt Erregung in mir entstehen, oder um den Energiebegriff zu verwenden: das lädt mich mit Energie auf. Wie gehe ich mit dieser Energie, mit der inneren Erregung um ?

Will ich als Routinier oder souveräner Profi erscheinen, als selbstsicher, in mir ruhend, erhaben über jede Anwandlung von Unsicherheit, so kann es sein, daß ich die innere Erregung als unliebsamen Störfaktor betrachte und wegschieben will. Ich reiße mich zusammen, spanne mich an, kontrolliere meine Atmung und schlage einen demonstrativ gelassenen Tonfall an. Ich werde bemüht sein, alle Anzeichen dessen, was in mir vorgeht, zu vertuschen oder zu kontrollieren. Gelingt mir das, so bin ich nach außen erfolgreich, nach innen angespannt, verspannt, möglicherweise leer: die Erregung ist nicht mehr spürbar.

Gelingt es mir nicht, entsteht aus der inneren Erregung die äußerlich sichtbare Bewegung des Zitterns, verhaspele ich mich, fange ich schließlich sogar an zu stottern, so wird der Konflikt zwischen innen und außen, zwischen Erregung und Kontrolle, nur immer größer, Angst und Panik erfassen mich, ich steuere auf einen Eklat zu.

Ich will mit dem Beispiel hier abbrechen und den Zusammenhang mit unserem Thema herstellen. Der Begriff „Bioenergetik“ setzt sich zusammen aus den beiden griechischen Wörtern für „Leben“ und „Kraft“. Es geht in der Bioenergetik um die Frage, wie ich mit meiner inneren Erregung, mit meiner Lebenskraft oder Bioenergie – bewußt oder unbewußt – umgehe, Das breite Spektrum der verschiedenen Möglichkeiten, mit der eigenen Lebenskraft umzugehen, läßt sich in zwei grundlegend verschiedene, ja gegensätzliche Bereiche einteilen:

I. Ich kann gegen die Erregung angehen, d.h. einen Teil meiner Energie (Willensenergie) dazu benutzen, um einen anderen Teil meiner Energie (Gefühlsenergie) an seiner inneren Ausbreitung zu hindern, um letztlich zu verhindern, daß mein Inneres nach außen zum Ausdruck kommt.

II. Ich kann mit der Erregung gehen, d.h. mich von ihr tragen lassen und sie willentlich formen zu einem persönlichen Ausdruck meiner inneren Befindlichkeit.

Was heißt das in unserem Beispiel ?

Ich sehe es als natürlich und menschlich an, in einer solchen Situation aufgeregt zu sein, ich akzeptiere und spüre meine innere Erregung, ich stehe zu ihr und bekenne freimütig: „Ich bin aufgeregt“ oder „ooooh, bin ich aufgeregt !“ (wenn die Erregung größer ist). Die Erregung darf in meiner Stimme hörbar und in meiner Erscheinung als Zittern, Gesichtsröte oder Schwitzen sichtbar werden. So erscheine ich zwar nicht als perfekter Supermann, stattdessen stelle ich eine in der gemeinsamen Erfahrung des Leidens wurzelnde Verbindung zu den anderen anwesenden Menschen her (Sympathie). Die Erregung klingt ab, ich bin im Vollbesitz meiner Rede- und Handlungsfähigkeit und im Kontakt mit meinem Inneren. Da Erregung und Kontrolle nicht im Konflikt miteinander liegen, gibt es keine Eskalation zu Angst und Panik.

Was ist Bioenergetik ?

Im weiteren Sinn meint Bioenergetik den bewußten Umgang mit der eigenen Lebenskraft: Erregung sammeln, fühlen und zu persönlichem Ausdruck formen. Im engeren Sinn ist Bioenergetik ein auf Wilhelm Reich zurückgehender, von Alexander Lowen weiterentwickelter Ansatz der Psychotherapie, der die oft zitierte Einheit von Körper, Seele und Geist des Menschen beim Wort nimmt, den Spuren seelischen Erlebens in der körperlichen Struktur (Haltung, chronische Muskelspannungen usw.) nachgeht und durch ein breites Spektrum verschiedener Übungen des Körpers, des Atems, der Stimme, der Vorstellung, der Gebärden dem Klienten in der therapeutischen Situation ermöglicht, lange verdrängte, unverarbeitete Gefühlskonflikte wiederzuerleben, auf vielerlei Weise durchzuarbeiten und die in diesen Konflikten gebundene Energie für das Wachstum seiner Persönlichkeit fruchtbar werden zu lassen.

Ich möchte an dieser Stelle die abstrakte Theorieebene wieder verlassen und Sie zu einer kleinen Übung einladen, die den trockenen Begriff der „Bioenergie“ mit dem Saft der eigenen Erfahrung füllen kann.

Übung 1: Stehen; Kraft, die mich stehen läßt, spüren; Erscheinungsweisen dieser Kraft wahrnehmen.

Diese Energie erleben wir positiv mit Empfindungen, die uns angenehm sind, wenn sie (die Energie) fließt, wir erleben sie negativ auf unangenehme Weise, wenn sie sich staut, wenn ihr Fluß in irgendeiner Weise behindert ist. Betrachten wir ein kleines Kind, etwa im 2. Lebensjahr, so fällt auf, daá es ständig in Bewegung ist, ein Bündel von Energie, schier unerschöpflich in seinem Aktivitätsdrang. Etwas in der Umgebung erregt sein Interesse, das Kind nähert sich dem Objekt, nimmt Kontakt auf, d.h. berührt, faßt an, nimmt in den Mund, läßt wieder los. Das Erleben des Kindes ist gefühlsbetont, seine Bewegungen und Emotionen sind ungehemmt, frei fliessend, impulsiv. Wie anders wir Erwachsenen: wir haben – oft mühsam gelernt, unsere Affekte und Emotionen zu kontrollieren, Bewegungs-impulse zu unterdrücken (schon in der Grundschule ist Stillsitzen das erste Lernziel), Kontaktwünsche zu verdrängen („Das Berühren der Figuren mit den Pfoten ist verboten“).

Die Muskulatur unseres Körpers – ursprünglich Organ der Bewegung – ist zu einem Mittel des Haltens, der Unterdrückung von (innerer und äußerer) Bewegung geworden, spürbar als Spannung oder Verspannung und schließlich gar nicht mehr wahrnehmbar: weiße Flecken auf der Landkarte körperlicher Selbstwahrnehmung. Viele von uns Erwachsenen sind nicht in der Lage, auf die Frage: „Wie fühlst du dich?“ eine Antwort zu geben, die über ein pauschales „gut“ oder „schlecht“ hinausreicht – und das selbst bei ehrlichem Bemühen. Der weitgehende Verlust körperlichen Selbstgefühls und die Verwandlung des Körpers zu einer Quelle von Schmerzen, Krankheit, Unlustgefühlen sind das Ergebnis eines langen, oft lebenslangen Prozesses: wir lernen, die Bewegungen unserer Lebensenergie zu hemmen, einzuschränken, zu unterdrücken. Eine zentrale Bedeutung in

diesem Prozeß hat die Atmung. Das wirksamste Mittel, um unerwünschte Gefühle in den Griff zu bekommen und verbotene Impulse zu unterdrücken, ist es, die Luft anzuhalten und – weil das auf Dauer nicht geht – nur noch minimal zu atmen (d.h. Leben auf Sparflamme).

Ich möchte Sie an dieser Stelle wieder zu einer Übung einladen.

Übung 2: Im Sitzen ca. 20 mal durch den geöffneten Mund vertieft atmen; dabei sehr achtsam alle körperlichen und seelischen Empfindungen und Veränderungen wahrnehmen.

Wenn wir anfangen, den Prozeß umzudrehen, wieder mehr zu atmen, mehr zu spüren von den eigenen Gefühlen und Körperempfindungen, begegnen wir fast immer zuerst den unangenehmen Gefühlen, denen wir bisher aus dem Weg gegangen sind und deren Verdrängung uns eine Einschränkung unserer Lebenskraft gebracht hat. Alle echten Mangelerfahrungen bewirken eine solche Einschränkung, Mangel an Zuwendung und Geborgenheit, an Ansprache und Stimulation, an Gewährung von Freiraum und an Anerkennung der Selbständigkeit usw. Um uns vor den aus der Mangelerfahrung resultierenden Gefühlen von Verzweiflung und Schmerz, ohnmächtiger Wut und Angst zu

schützen, verhärten wir uns – gleichermaßen seelisch und körperlich – Verdrängung im Seelischen, Verspannung im Körperlichen, so entsteht in jedem von uns die ihm eigene Charakterstruktur als das Gesamtgefüge dieser Verhärtungen.

Bioenergetik im engeren Sinn arbeitet an der Auflösung dieser Verhärtungen, um damit die Lebensenergie aus den Fesseln alter Mangelerfahrung zu befreien für eine befriedigende Gegenwart. Und das bedeutet immer auch , in Begleitung und mit Unterstützung eines erfahrenen Therapeuten dunkle, schmerzvolle Abschnitte zu durchwandern (durch Finsternis zum Licht).

Wie kann uns Bioenergetik bei der Lebensbewältigung helfen ?

Was heißt überhaupt „Lebensbewältigung“ ?

In einem gewissen Sinn haben wir alle die Anforderungen des Lebens an uns bewältigt, wir haben es nämlich geschafft zu überleben. Reicht das ? Sicherlich nicht ! Das Überleben ist nur die Voraussetzung zum „Eigentlichen“, einem erfüllten Leben, das getragen ist von Vertrauen und Sinn-Erfahrung. Das Leben wirklich bewältigen heißt, mich den wechselnden Situationen des Lebens in einer Weise stellen, daß ich durch alle Erschütterungen hindurch einen Zuwachs an Vertrauen, an Lebensfreude und Lust erfahre. Erfahre ! Die Betonung liegt auf „erfahre“. Also nicht nur mir ausdenke oder als Glaubenssatz vor mich hinplappere. Erfahrung hat immer etwas mit unserem Dasein in der Welt zu tun (wir sind inkarniert), und die Erfahrung ist durch unsere Sinneswahrnehmungen vermittelt. Auch sogenannte außersinnliche Wahrnehmungen sind nicht außersinnlich derart, daß sie unsere Sinne gewissermaßen umgehen, auch sie vermitteln uns durch unsere Sinne einen Ausschnitt der Wirklichkeit, der normalerweise außerhalb des Frequenzbereichs liegt, für den unsere Sinnesorgane sensibel sind. Erfahrung ist nicht ein passiver Vorgang, wo ich etwas über mich ergehen lasse, sondern sie ist das Ergebnis aktiver Auseinandersetzung mit dem Erlebten, ein Vorgang, der mit dem Verdauen von Nahrung vergleichbar ist. Das Erlebte wird durch aktive Verdauungsarbeit zu Erfahrung und die Erfahrung läßt mich reifen: körperlich, seelisch, geistig. Und Reifen ist die eigentliche Aufgabe, die es im Leben eines Menschen zu bewältigen gilt. Allzuviele Menschen verfehlen diese zentrale Lebensaufgabe der Reifung, sie altern nur – ohne zu reifen. Sie werden im Alter wieder wie Kinder, nur ein scheinbarer Rückschritt, in Wahrheit offenbart sich hier die Tatsache, daß sie in ihrer emotionalen Entwicklung das Reifungsstadium kleiner Kinder nie überschritten haben. Konsequenz vielfacher Verdrängung, das Erlebte konnte nicht zu wirklicher Erfahrung verarbeitet werden. Wenn wirkliche Lebensbewältigung etwas mit tiefgreifender Erfahrung zu tun hat und Erfahrung wiederum angewiesen ist auf die sinnliche Anteilnahme am Dasein in dieser Welt, dann trägt zur Lebensbewältigung bei, was das Gespür für mich selbst vergrößert, für meine innere Befindlichkeit und was meine Berührbarkeit erweitert und vertieft. Hierin besteht der Beitrag der Bioenergetik: sie bringt den einzelnen Klienten oder den Teilnehmer einer Bioenergetik-Gruppe in Kontakt mit seinem körperlichen Selbst. Indem bioenergetische Arbeit hilft, Verspannungen zu lösen und die damit verbundenen Emotionen freizusetzen, ermöglicht sie, vergangene Erlebnisse zu verarbeiten und damit in für die Reifung bedeutsame Erfahrung zu verwandeln. Auch kommt es zur Vertiefung gegenwärtigen Erlebens.

An dieser Stelle mag ich Sie wieder zu einer Übung einladen, bei der es in erster Linie um das Spüren geht.

Übung 3: Rumpfbeuge

Es kann sein, daß Sie bei dieser Übung zunächst Anstrengung, schmerzhafte Spannungen oder andere unangenehme Gefühle erlebt haben. Dennoch ist fast immer nach der Übung das Körpergefühl deutlich verbessert. Der Sinn einer solchen Übung besteht nicht etwa in einer masochistischen Lust am Schmerz oder einer Art Abhärtungskur, es geht einzig darum, mit den ohnehin vorhandenen chronischen Spannungen in meinem Körper in Kontakt zu kommen. Wo ich gelöst und entspannt bin, da fühle ich während so einer Übung keinen Schmerz. Der fühlende Kontakt zu den eigenen Verspannungen ist der erste Schritt zu ihrer Lösung.

Neben der Atmung kommt in der bioenergetischen Arbeit der Stimme eine Schlüsselfunktion zu. In jedem Moment habe ich die Wahl, dem, was ich fühle, meine Stimme zu verleihen oder aber mich verstummen zu lassen, keinen Ton herauszulassen, der etwas davon verraten könnte, was in mir vorgeht. Der Gebrauch der Stimme für das in mir Gefühlte setzt gebundene Energie frei und hilft, körperliche und seelische Spannung zu lösen. Im Gegensatz zur herkömmlichen Psychotherapie, wo der Klient liegt oder sitzt, kommt in der bioenergetischen Arbeit dem Stehen eine große Bedeutung zu: „Ich stehe zu mir und meinen Gefühlen“ und in der anderen Bedeutung: „Ich stehe mit beiden Beinen im Leben, ich stehe fest auf dem Boden, bin gegründet in der Realität (bleibe auf dem Teppich, ohne abzuheben).“

– Mit Spannungen und emotionalen Konflikten in Kontakt kommen

– Spannungen lösen und festgehaltene Gefühle freisetzen und verarbeiten

– Mich üben, zu meinen Gefühlen zu stehen, in Kontakt sein mit mir und mit der Realität

Das sind die Hauptanliegen bioenergetischer Arbeit, deren Ziel und Idealbild der gesunde Mensch ist, „der nicht durch Verdrängung an seine Vergangenheit gekettet, frei ist, sich voll der Gegenwart hinzugeben und lustvoll zu lieben, zu arbeiten und zu lernen.“ (Wolf Büntig)

Wo liegen die Möglichkeiten und Grenzen der Bioenergetik?

Für welche Menschen ist die bioenergetische Therapie besonders geeignet ?

Für wen ist sie möglicherweise ungeeignet ?

Bioenergetik ist ein Weg über den Körper zur Seele. Dieser Weg eignet sich besonders für jene Menschen, die wenig Kontakt zu ihren Gefühlen und seelischen Stimmungen haben (Verstandesmenschen), die zu ihrem Körper wenig Beziehung haben oder ihn vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Leistungsfähigkeit betrachten (unsportliche Menschen ebenso wie leistungsorientierte Sportler), die ihren Körper in erster Linie als Quelle von Unlustgefühlen und Krankheit erleben (Menschen mit häufigen Kopf- und Rückenschmerzen, häufigen Infektionen, chronisch kalten Füßen und Händen usw.). Die Gegenanzeige beschränkt sich auf solche Menschen, bei denen aufgrund organischer Vorschädigungen im Hinblick auf weitergehende organische Schäden ein hohes Risiko gegeben ist, wenn sie größere emotionale Erregung durchleben (z.B. Risiko innerer Blutungen, Risiko von Fehl- und Frühgeburten in der zweiten Hälfte der Schwangerschaft usw.)

Von der psychischen Verfassung her gibt es keine Gegenanzeigen. Voraussetzung für eine bioenergetische Einzel- oder Gruppentherapie ist lediglich ein gewisses Mindestmaß an Bereitschaft, sich einzulassen auf das Abenteuer der Selbstentdeckung und -erfahrung.

Welche Persönlichkeitsveränderungen (körperlich wie seelisch) sind im Laufe und aufgrund einer bioenergetischen Arbeit möglich ?

Diese Frage läßt sich nicht allgemein beantworten. Ganz sicher läßt sich die grundlegende Charakterstruktur eines Menschen nicht auflösen. Dennoch ist im Rahmen dieser Grundstruktur soviel Veränderung möglich, daß die Phantasie oft nicht ausreicht, um sich das vorzustellen. Lassen Sie mich die Veränderungsmöglichkeiten durch eine Analogie veranschaulichen. Wenn Sie aus einzelnen farbigen Steinchen ein Mosaik gestalten wollen und dazu einen Sekundenkleber benutzen, so läßt sich ein einmal gesetzter Stein nicht mehr verrücken. Dennoch können Sie das Anfangsbild durch das Setzen weiterer Steine in seiner Wirkung und Aussagekraft noch enorm verändern. In welchem Ausmaß ein Persönlichkeitswandel tatsächlich stattfindet, hängt vom Ausmaß und Umfang der frühkindlichen Mangelerfahrungen und letztlich von dem betreffenden Menschen selbst ab, von seiner Beharrlichkeit, seinem Vertrauen, seinem Lebenswillen, die ihm helfen, auch Rückschläge und Zeiten des Stillstandes durchzustehen.

Zum Schluß will ich Ihnen das Gesagte noch an Hand zweier Fallbeispiele veranschaulichen.

I. Herr N. kommt aufgrund einer Empfehlung zu mir, die ihm ein Freund gab, der bei mir in Therapie gewesen war. Herr N. klagt über plötzlich auftretende Durchfälle (Colitis), die sich auf medizinische Behandlung hin nicht gebessert haben. Herr N. ist ca. 35 Jahre alt, er lebt mit seiner Mutter in einem Haus, er fühlt sich von ihr häufig bevormundet. Herr N. ist verlobt, hat jedoch Schwierigkeiten, mit seiner Verlobten eine befriedigende Beziehung aufzubauen. Im Laufe einer sich über 10 Monate erstreckenden Therapie verschwinden die Durchfälle, Herr N. heiratet seine Verlobte und entwickelt eine befriedigende Beziehung zu ihr, schließlich gewinnt er zunehmend an Durchsetzunqsfähigkeit gegenüber seiner Mutter.

II. Frau A. ist Erzieherin, sie nimmt an einer fortlaufenden Wochenend-Gruppe teil. Frau A. wirkt in ihrer äußeren Erscheinung verschlossen, hart und von zäher Ausdauer. Sie ist unzufrieden mit ihrer Arbeit, auch mit ihrer privaten Situation. Frau A. lebt ohne festen Freund in einer Wohngemeinschaft. Frau A. ist sportlich, hat aber dennoch wenig Gespür für ihren Körper. Im Laufe von zwei Jahren läßt sie immer mehr ihre weiche Seite zu, lernt wieder zu weinen, ihre Augen werden strahlend und kontaktvoll. War es früher eine seltene Ausnahme, daß sie sich wohl in ihrer Haut fühlte, so nehmen diese Zeiten heute den überwiegenden Raum ein.