In Ostafrika lebt ein Stamm, in dem die Kunst der wahren Nähe schon lange vor der Geburt gepflegt wird. In diesem Stamm ist das Geburtsdatum des Kindes nicht identisch mit der körperlichen Geburt, nicht einmal mit dem Tag der Empfängnis, wie in anderen Stammeskulturen. Für sie ist der Tag der Geburt derjenige, an dem das Kind zum erstenmal als Gedanke im Geist seiner Mutter erscheint. Mit der Bereitschaft, ein Kind von einem bestimmten zukünftigen Vater zu empfangen, verläßt die Mutter ihr Dorf und setzt sich unter einen Baum. Dort lauscht sie so lange, bis sie das Lied des Kindes hört, das sie zu empfangen hofft. Sobald sie es gehört hat, geht sie nach Hause und lehrt es den Vater, so daß sie es gemeinsam singen und das Kind einladen können, wenn sie es zeugen. Ist die Mutter schwanger geworden, singt sie es für das Kind in ihrem Leib. Dann lernen auch die Frauen und Hebammen im Dorf das Lied dieses Kindes, um es während der Entbindung und im wunderbaren Augenblick der Geburt damit begrüßen zu können. Nach der Geburt lernen alle Dorfbewohner das Lied ihres neuen Stammesmitglieds; sie singen es, wenn das Kind hinfällt und sich weh tut, und sie singen es während der Rituale und Initiationen. Dieses Lied ist auch Teil der Heiratszeremonie, wenn das Kind erwachsen ist, und am Ende seines Lebens versammeln sich seine Lieben am Totenbett und singen sein Lied ein letztes Mal.

Zitiert nach Jack Kornfield: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens, München 1995 (Kösel-Verlag), S. 391

 

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