Wie an dem Tag, der Dich der Welt verliehen,
die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
so bist Du fort und fort gediehen
nach dem Gesetz, wonach Du angetreten.
So mußt Du sein, Dir kannst Du nicht entfliehen,
so sprachen schon Sibyllen, so Propheten
und keine Macht und keine Kraft zerstückelt
geprägte Form, die lebend sich entwickelt.

Stern

Alles geben die Götter, die unendlichen
Ihren Lieblingen ganz:
Alle Freuden, die unendlichen,
alle Schmerzen, die unendlichen, ganz.

Stern

Und wenn du das nicht hast,
dieses: Stirb und Werde,
bist du nur ein trüber Gast
auf der dunklen Erde.

Stern

Harfenspieler

Wer nie sein Brot mit Tränen aß,
wer nie die kummervollen Nächte
an seinem Bette weinend saß,
der kennt euch nicht,
ihr himmlischen Mächte.

Stern

Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust,
die eine will sich von der anderen trennen.

(Sein und Werden – Geistseele und Stoffseele)

Stern

Gesang der Geister über den Wassern

Des Menschen Seele gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es, zum Himmel steigt es,
und wieder nieder zur Erde muß es.
Ewig wechselnd.
Strömt von der hohen, steilen Felswand
der reine Strahl, dann stäubt er lieblich
in Wolkenwellen zum glatten Fels,
und leicht empfangen wallt er verschleiernd,
leisrauschend zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen dem Sturz entgegen,
schäumt er anmutig
stufenweise zum Abgrund.
Im flachen Bette schleicht er das Wiesental hin,
in den glatten See
weiden ihr Antlitz darin alle Gestirne.
Wind ist der Welle lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
schäumende Wogen.

Seele des Menschen, wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen, wie gleichst du dem Wind.

Stern

Ganz leise spricht ein Gott in unserer Brust,
ganz leise, ganz vernehmlich zeigt er uns an,
was zu erstreben ist und was zu fliehen.

Stern

Wär nicht das Auge sonnenhaft,
die Sonne könnt’ es nie erblicken;
Läg nicht in uns des Gottes eigne Kraft,
wie könnt’ und Göttliches entzücken?

Stern

Im Atemholen sind zweierlei Gnaden:
den Atem einholen – sich seiner entladen.
Dieses bedrängt, jenes erfrischt,
so wunderbar ist das Leben gemischt.
Du danke Gott, wenn er dich preßt,
und danke ihm, wenn er dich wieder entläßt.

Stern

Der eine fragt,
was kommt danach ?,
der andere:
ist es recht ?
und darin unterscheidet sich
der Freie von dem Knecht.

Stern

Es muß von Herzen kommen,
was auf Herzen wirken soll.

Stern

Lied des Türmers

Zum Sehen geboren,
Zum Schauen bestellt,
Dem Turme geschworen,
Gefällt mir die Welt.

Ich blick‘ in die Ferne,
Ich seh‘ in der Näh‘
Den Mond und die Sterne,
Den Wald und das Reh.

So seh‘ ich in allen
Die ewige Zier,
Und wie mir’s gefallen,
Gefall‘ ich auch mir.

Ihr glücklichen Augen,
Was je ihr gesehn,
Es sei wie es wolle,
Es war doch so schön!

Stern

Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis;
Das Unzulängliche,
Hier wird’s Ereignis;
Das Unbeschreibliche,
Hier ist ’s getan;
Das Ewig-Weibliche
Zieht uns hinan.

Stern

Es hört doch jeder nur, was er versteht.

Stern

Bis man sich verpflichtet hat, zögert man, läuft man Gefahr, einen Schritt rückwärts zu machen, ist man immer wirkungslos. Es gibt eine elementare Wahrheit, die auf alle Initiativen und Schöpfungen zutrifft und deren Unkenntnis zahllose Ideen und prächtige Pläne zugrunde richtet. In dem Augenblick, in dem man sich unumstößlich verpflichtet, tritt auch die Vorsehung in Erscheinung. Alle möglichen Dinge ereignen sich, um einem zu helfen, die sich anderweitig niemals ereignet hätten. Ein ganzer Strom von Geschehnissen entfließt der Entscheidung, beschwört alle möglichen unvorhergesehenen Vorkommnisse, Zusammentreffen und materielle Hilfe zum eigenen Vorteil herauf, wovon keiner sich hätte träumen lassen, daß ihm das je geschehen würde. Was Du Dir auch immer vorstellen kannst, kannst Du auch tun.

Fang an, jetztgleich!

 

Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832)

 

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