„Seijo und ihre Seele sind voneinander getrennt. Welche ist die wahre Seijo?“

Ein alter Mann namens Chokan lebte während der T’ang-Zeit in China in der Provinz Ko. Er hatte eine Tochter namens Seijo. Sie war sehr hübsch und ihr Vater liebte sie sehr.

Chokan pflegte sie schon im Kindesalter mit der Bemerkung zu necken, daß er sie ihrem stattlichen Vetter Ochu für die Ehe versprochen hatte. Die beiden waren also von Kindheit an einander zugesprochen. In China wurden junge Leute von den Eltern verheiratet.

Gerade, als die beiden bemerkten, daß sie sich ineinander verliebt hatten, verkündete der Vater, daß er es sich anders überlegt hätte und für Seijo einen anderen jungen Man ausgesucht habe.

Den beiden jungen Verliebten wollte das Herz brechen. In seiner Verzweiflung bestieg der junge Ochu ein Boot und fuhr davon. Mitten in der Nacht hörte er vom Ufer des Flusses her die Stimme seiner geliebten Seijo. Voller Freude nahm er Seijo in sein Boot. Zusammen flüchteten sie nun beide in ein fernes Land, heirateten und bekamen zwei Kinder. So lebten sie jahrelang glücklich miteinander. Eines Tages aber bekamen die beiden Gewissensbisse, weil sie den Eltern einfach so davongelaufen waren. Auch plagte sie Heimweh und so beschlossen sie, nach Hause zu reisen und die Eltern um Verzeihung zu bitten.

Zu Hause angekommen ging Ochu zum Elternhaus seiner Frau, während Seijo im Boot wartete. Der junge Mann bat seinen Schwiegervater für seine und Seijos Flucht um Verzeihung. Der alte Mann aber wußte gar nicht, wovon Ochu redete.

„Seijo“, sagte er, „liegt in meinem Haus krank und im Koma auf ihrem Bett“. Ochu aber bestand darauf, daß Seijo im Boot warte. Als die im Haus krank daniederliegende Seijo diese Worte hörte, erhob sie sich plötzlich und lief hinunter zum Fluß. Die Seijo im Boot aber erhob sich ebenfalls, um der anderen Seijo entgegen zu gehen. Als die beiden Seijos sich begegneten, umarmten sie einander -und wurden wieder zu einer Seijo.

Nachdem er diese Geschichte erzählt hatte, fragte Meister Goso nun: „Welches war die richtige Seijo?“ Diejenige, die im Boot auf dem Fluß auf ihren Mann wartete – oder die Seijo, die in ihrem Elternhaus krank auf dem Bett lag? Die Seijo der äußeren Form, die ein irdisches Leben als Frau führt, heiratete, Kinder bekam und ihre Arbeit machte? Oder war es die andere Seijo, die bewußtlos und fern des Lebens und der Welt, den zehntausend Dingen fern, im reinen Bewußtsein auf dem Bett lag?

Die wahre Seijo ist weder die eine noch die andere, sondern beide zusammen sind die wahre Seijo.

 

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