Anleitung zur Selbstergründung

Foto: Elias Ortmann

in 8 Schritten

Alles Leben entfaltet sich immer von innen nach außen (nicht umgekehrt).
Stets ist dem Leben am meisten damit gedient, wenn wir uns seiner Quelle, dem innersten Zentrum aller Kraft, zuwenden. Die Aufmerksamkeit ist dabei der Wegbereiter, ihr folgt dann der gesamte Rest der Lebensenergie.

 

1. Schritt (Außenschau auf einen Teil meiner selbst: z.B. die rechte Hand)

Wenn ich mich dazu entschließe, mich selbst zu betrachten, schaue ich vielleicht meine
rechte Hand eine Weile an.

2. Schritt (Innenschau auf das geistige Bild der Hand)

Dann schließe ich die Augen und erinnere mich an das, was ich eben gesehen habe.

Nun schau ich mit dem inneren Auge, dem geistigen Auge, das Bild meiner rechten Hand an, das in meinem Gedächtnis als Schaubild gespeichert ist und eine Erfahrung widerspiegelt, die bereits der Vergangenheit angehört.

3. Schritt (Innenschau auf das gegenwärtige Erleben der Hand)

a) Als nächstes laß ich dieses innere Bild wieder entschwinden und rufe mir ins Bewußtsein, daß ich mir keineswegs sicher sein kann, ob die rechte Hand auch jetzt noch da ist, nur weil ich gerade ein Bild von ihr betrachtet habe. Sodann besinne ich mich, ob mir bei geschlossenen Augen noch eine andere Möglichkeit offensteht, um mich zu vergewissern, daß die Hand nach wie vor da ist.

b) Sobald mir diese Möglichkeit bewußt ist, spüre ich bei geschlossenen Augen meine rechte Hand und schaue sie – spürend – mit dem inneren Auge eine Weile an.

4. Schritt (Spür-Bewußtsein und Unterbrechungen durch Ablenkung)

Nun stelle ich mir vor, die Hand sei durch Amputation entfernt und die Wunde gut verheilt. Doch auch in diesem Fall ist es mir möglich, die Hand zu spüren, als sei sie noch da, weil die Spürfähigkeit dem feinstofflichen Körper angehört und die Amputation nur den grobstofflichen (materiellen) Körper verändert. Will ich sichergehen, daß die Hand auch auf der materiellen Ebene noch da ist, ist also ununterbrochenes bewußtes Spüren des gegenwärtigen Erlebens (Spür-Bewußtsein) oder neuerliche Außenschau unabdingbar.

Immer dann, wenn sie meine ganze Aufmerksamkeit in Beschlag nehmen, führen Gedanken jeglicher Art zu Unterbrechungen im Spür-Bewußtsein: was während der Unterbrechung gespürt wird, bleibt unbewußt. Das bewußte Spüren kann sich nicht weiter vertiefen, die Aufmerksamkeit wandert wieder nach außen.

Bei der Selbstergründung kommt der Wahrnehmung des Atems eine Schlüsselrolle
zu. Alles inkarnierte Leben atmet. Atem steht unmittelbar im Dienst des Lebens und verbindet den beschränkten Innenraum des Körpers mit dem grenzenlosen kosmischen Raum. Gleichzeitig verbindet er auch das beschränkte menschliche Bewußtsein, das mit der Persönlichkeit identifiziert ist, mit dem allumfassenden kosmischen Bewußtsein.

5. Schritt (Ausweitung des Spür-Bewußtseins auf Atem und alles, was in Erscheinung tritt):

Nun betrachte ich bei geschlossenen Augen – also nur mit dem inneren (geistigen) Auge – vor allem die Atembewegung und die Körper-Empfindungen, aber auch Gefühle und Stimmungen. Mit Abstand betrachte ich auch Gedanken und Vorstellungen, innere Bilder, Erinnerungen und Befürchtungen – wie Wolken, die jetzt wahrnehmbar sind oder noch auftauchen und vorüberziehen – ohne zu urteilen, ohne irgendetwas davon zu bekämpfen, zu vermeiden, aufzugreifen oder weiter zu verfolgen – ich bin nur als aufmerksamer Zuschauer und Zeuge anwesend!

Bei diesem 5. Schritt, der in der Tradition auch als die kleine Selbstergründung
bezeichnet wird, werden nach und nach alle im Geist eingeprägten Bilder oder Muster im
Denken, Fühlen und Verhalten sichtbar, alles, was Form oder Gestalt angenommen hat und an dem ich anhafte, sei es durch Vorliebe oder Ablehnung. All das gehört zur Persönlichkeit, zum falschen Selbst, zu dem, wofür ich mich halte, was ich aber in Wahrheit nicht bin.

6. Schritt (Ausrichtung der Aufmerksamkeit auf das wahre Subjekt, das innerste Zentrum)

Als nächstes rufe ich mir ins Bewußtsein, daß alles, was ich wahrnehme, Gegenstand oder Objekt meiner Wahrnehmung ist – sich also gewissermaßen außen befindet vor meinem geistigen Auge.

Jetzt wende ich meine Aufmerksamkeit dem wahrnehmenden Subjekt selbst zu, das heißt, ich richte alle Aufmerksamkeit auf das aus, was sich hinter dem geistigen Auge befindet, also auf den Geist selbst. Erst jetzt ist die Aufmerksamkeit nicht nur im körperlichen Sinne nach innen gewandt, sondern zum ersten mal auf das wahre Subjekt, das gemeinsame Zentrum aller Ebenen menschlichen Seins ausgerichtet.

Dieser 6. Schritt wird in der Tradition auch die große Selbstergründung genannt. Erlösung oder Befreiung kommt immer nur vom innersten Zentrum, dem wahren Subjekt.

Das Auge des Geistes,
des wahren Subjekts

Foto 22319, Linda Dahrmann, pixelio.de

 

Mögliche Objekte der inneren Wahrnehmung:

Atembewegung, Körper-Empfindungen, Gefühle, Stimmungen, Gedanken, Vorstellungen und innere Bilder, Energiestöme, Bewegungen und Richtungswechsel der Aufmerksamkeit

 

Selbst wenn ich nun von Gefühlswellen erfaßt oder überschwemmt werde, ist diese Erfahrung ebenso ein Objekt meiner Wahrnehmung wie mögliche angst-motivierte Reaktionen (Flucht, Kampf, Erstarrung) meiner Persönlichkeit, des falschen Selbst.

Mit der Aufmerksamkeit bleibe ich beim Atem und dem gegenwärtigen Erleben im Körper und nutze sie wie ein Geländer, solange mich mein Weg durch schwieriges Gelände führt. Jedenfalls laß ich mich nicht darauf ein, mich von Gedanken oder Vorstellungen mitnehmen zu lassen und ihnen nach zu sinnen! Auch wenn ich vielleicht untergehe oder jeden Halt verliere und ins Bodenlose stürze, bin nicht ich das, dem das geschieht, sondern es geschieht meiner Persönlichkeit, dem falschen Selbst. Als schlimm und unerträglich erlebe ich es In dem Maße, mit dem ich mit der Persönlichkeit identifiziert bin.

Was immer geschieht, findet in mir statt und kann von mir wahrgenommen werden. Es ist also Objekt der Wahrnehmung, es ist nicht das wahrnehmende Subjekt, dem das geschieht. Das wahre Subjekt bleibt von allem Geschehen völlig unberührt.

7. Schritt (Fortwährende Korrektur und Neuausrichtung der Aufmerksamkeit)

Wenn ich bemerke, daß ich erneut irgendetwas wahrnehme, hat sich meine Aufmerksamkeit – alter Gewohnheit folgend – vom Subjekt abgewendet und wieder einem Objekt zugewendet. Somit kann ich auch den Richtungswechsel der Aufmerksamkeit wahrnehmen.

Dann wende ich erneut alle Aufmerksamkeit dem zu, was sich hinter dem geistigen Auge befindet, richte mich also immer wieder auf das Subjekt aller Wahrnehmung aus.

Dabei ist mir klar, daß das Subjekt der Wahrnehmung selber nicht wahrgenommen werden kann (sonst wäre es ja ein Objekt), daß ich das Subjekt nur sein und bezeugen kann: „Ja, ich bin es.“

Wann immer ich bemerke, daß irgendetwas für mich wieder zum Objekt der Wahrnehmung geworden ist, wiederhole ich die Neuausrichtung und übe sie als neue Gewohnheit ein.

8. Schritt (Frucht der Übung – die Gewöhnung an Zuhause):

Schließlich verweile ich als Subjekt im Gewahrsein – im gegenstandslosen Wach-Bewußtsein – und fühle den Frieden, die Weite und Grenzenlosigkeit als mein wahres Zuhause.
Aus dieser Seelenruhe kommen Impulse, Einfälle und alle Kraft, die ich zur Bewältigung der nächsten Herausforderung brauche.

Mehr zum Hintergrund dieser Anleitung in zwei Manuskripten:
Das »Ich« als Objekt – das Ich als Subjekt (2016)
und Sein, Bewußtsein und Bewußtheit (2020)

Manuskript als pdf-Datei