Rabe im Flug (Foto Wolfgang Heubeck – pixabay)

Aus der Perspektive der objektiven Wirklichkeit betrachtet,

also aus der Perspektive der Objekte bzw. der Dinge oder Formen, scheint es so zu sein, daß das formlose Sein (auch Wesen genannt) fortwährend in zahllose und vielgestaltige Formen einfließt, sich in die Form er-gießt: im Reich der Mineralien, der Pflanzen, Tiere und Menschen. Für das Objekt ist das Wesen die Quelle des Lebens, der Urgrund seiner Existenz. Weil es für das menschliche Auge unsichtbar ist, wird das formlose Sein oder Wesen oft mit Leere gleichgesetzt, doch ist es nicht wirklich leer, sondern von nicht-greifbarer Anwesenheit erfüllt.

Somit ist jede sichtbare oder wahrnehmbare Form eine Offenbarung: das formlose Sein offenbart einen Aspekt seiner selbst. Die Form ist dabei gewissermaßen der weibliche Aspekt (empfangend, aufnehmend, umfassend), das Formlose, das in die Form eingeflossen ist, der männliche Aspekt: immaterielle In-form-ation. Es ist die Einheit von Form und Inhalt, von weiblichem und männlichem Aspekt, die uns berührt und bewegt, wenn wir sie im Buch der Natur vorfinden und zu lesen verstehen.

Jegliche Form wird vom formlosen Sein wie von leerem Raum sowohl umgeben als auch durchdrungen und ausgefüllt. Der Wandel und die Entwicklung der Form wird von innen heraus durch die immaterielle In-form-ation, von außen durch den umgebenden Raum und die dort befindlichen Objekte im Sinne vorgegebener Bedingungen beeinflußt und gesteuert.

Es erscheint dem Objekt so, als ob sich das formlose Sein nach einer Weile aus jedweder Form wieder zurückziehe. Die Form vergeht und zerfällt. Wenn es sich um die Körperform eines Lebewesens handelt, wird das Verwesung genannt. Form kehrt heim in den Schoß der Formlosigkeit, aus dem sie ursprünglich hervorgegangen ist.

Aus der Perspektive der subjektiven Wirklichkeit betrachtet,
also aus der Perspektive des formlosen Seins, des Wesens, als dem wahren Subjekt scheint es so zu sein, daß irgendwelche Objekte, Dinge oder Formen – dazu zählen auch Gedankenformen – aus dem Dunkel auftauchen und in Erscheinung treten, eine Weile im Licht des Bewußtseins in Stille und Gleichmut betrachtet werden können und dann wieder im Dunkel verschwinden. Die Vergänglichkeit aller Erscheinungen ist dabei völlig klar. Es ist, wie wenn sich in diesem Geschehen das Subjekt einen Film anschaut oder eine Symphonie anhört – ohne davon eingefangen zu werden und ohne etwas ergreifen oder festhalten zu wollen.

Das Subjekt hat sich nie in „die zehntausend Dinge“ aufgeteilt, sondern ist stets ungeteilt und unteilbar, also Individuum, geblieben: formloses bewußtes Sein, Bewußtsein. Doch sind „die zehntausend Dinge“ allesamt Ausdrucksformen des einen Subjekts.

Auf der Erde ist es nur die menschliche Form,
in der die Möglichkeit angelegt ist, für das Wesen oder wahre Selbst als dem einzigen Subjekt Sprachrohr zu sein: das „Ich bin“ zu denken oder auszusprechen und darin die Widerspiegelung des formlosen Seins, des Wesens, zu erkennen.

Dazu ist der Mensch ausgestattet mit unbegrenzter geistiger Kraft, die sich im menschlichen Körper in drei Energiezentren auf unterschiedliche Weise manifestiert hat (als mentaler Geist im Kopf: Denk- und Vorstellungsvermögen; als intuitiver Geist im Herzen: Intuition, Fühlfähigkeit und Einfühlungsvermögen; als instinktiver Geist im Bauch: Si-cherung, Aufrechterhaltung und Wachstum der materiellen organismischen bzw. physischen Existenz). Im göttlichen Geist sind alle Aspekte der geistigen Kraft ausgewogen und in vollkommener Einheit miteinander verbunden. Im menschlichen Bewußtsein dominiert meistens einer der drei Aspekte, zuweilen gibt es auch einen flatterhaften Wechsel. Nur allzu oft werden diese Teilkräfte als Gegenspieler erlebt.

Wenn der menschliche Geist vollkommen still und damit zum kristallklaren Spiegel für den unbegrenzten göttlichen Geist (spiritus) geworden ist, kann das Wesen oder formlose Sein erkannt werden. Erst damit erfüllt sich auch der tiefste Sinn menschlicher Existenz.

Zwar sind Denkfähigkeit und Vorstellungsvermögen des mentalen Geistes in gewisser Hinsicht unbegrenzt, doch sind sie ohne den intuitiven Geist unvollständig, ohne Fühlfähigkeit, Intuition und Einfühlungsvermögen. Unruhe zeigt an, daß die Ergänzung fehlt. Da die Vorstellungskraft an die Form gebunden ist, führt jede Vorstellung paradoxerweise zur Begrenzung der im Geist möglichen Einsicht. Indem der Mensch sich etwas vorstellt, stellt er ein Bildnis vor sein geistiges Auge, das ihm den Blick auf das Unbegrenzte und Formlose verstellt. Erst wenn der Mensch bereit ist, die Unvollständigkeit des mentalen Geistes und die Notwendigkeit der Ergänzung durch den intuitiven Geist anzuerkennen, kann das Denken zur Ruhe kommen und still werden. Dadurch wird fortschreitende Vertiefung im Fühlen möglich und im Zusammenwirken des Mentalen als Spiegel und der Intuition als fühlende Ausdehnung in Tiefe und Weite kann der gesammelte Geist schließlich im Wesen oder formlosen Sein sich selbst erkennen.

Bevor es soweit ist, ist der Geist unruhig und getrieben von der Angst um ein isoliertes kleines „Ich“, das nur als Einbildung, nur in seiner Vorstellung, existiert. Umgeben von einer kaum überschaubaren Menge weiterer kleiner Egos gleicht dieses „Ich“ einer Traumfigur, die fast immer bedroht oder gefährdet ist und dadurch das Grundgefühl der Existenz-angst befeuert. Solange der Geist nicht still geworden ist, verwechselt er daher das kleine „Ich“ mit dem ewigen unvergänglichen Ich, dem wahren Selbst.

Wenn das „Ich“ zum ersten Mal als Gedanke im Geist des Menschen auftaucht, bezieht es der kindliche Geist in seiner Naivität zunächst auf den Körper, den er bewohnt; dann auch auf die mit diesem Körper verbundenen Gefühle, Handlungsimpulse, Wünsche und Gedanken. Das Denken hat begonnen, sich um das kleine „Ich“ zu drehen. Auf diese Weise entsteht ein Teufelskreis zwanghaften Denkens und mit ihm eine Verrücktheit, an der die Menschheit seit einigen Tausend Jahren leidet. Das kleine – nur auf einem Gedanken gegründete – „Ich“ zu bekämpfen, ist sinnlos und leistet nur der Verdrängung Vorschub. Es braucht auch nicht bekämpft zu werden, vielmehr wird es im Aufwachen aus der mentalen Trance vollständig und restlos als trügerischer Schein durchschaut.

Zwinkernde Eule (Foto Jean van der Meulen – Pexels)

 

 

 

 

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