Denken und Fühlen unterscheiden sich grundlegend in ihrem Bezug zur Wahrheit. Während Denken die Widerspiegelung (Reflektion) von Wahrheit oder täuschendem Schein ermöglicht, kann im Fühlen aufgrund von Resonanz mitschwingend erlebt werden, ob wir im Einklang mit Wahrheit sind oder nicht. Wirklichkeit ist eben nicht ein feststellbarer Zustand, sondern ein fließendes Geschehen, das nach den Erkenntnissen der modernen Physik als ein Feld komplexer Schwingungsphänomene aufgefaßt werden kann.

Der Denker (Rodin)

Durch Denken im Sinne einer ernsthaft forschenden Wahrheitssuche komme ich aufgrund von Sinneswahrnehmungen zu Aussagen über die Wirklichkeit in Form von Feststellungen. Dann halte ich diese Aussagen vorläufig für wahr, auch wenn ich bereit sein sollte, sie stets neu zu überprüfen. In jedem Fall bedeutet es auf der geistigen Ebene erst einmal ein Halten, das Festhalten einer Momentaufnahme – wie wenn ich ein Foto von einem Fluß gemacht habe. Dabei befinde ich mich am Ufer außerhalb des Flusses. Offensichtlich habe ich das Fließen selbst mit der Momentaufnahme nicht erfassen können.

Das wird erst möglich, wenn ich jede Feststellung, somit jeden Halt und alle Kontrolle auf geistiger Ebene aufgebe, also alles loslasse. Dann kann es geschehen, daß auch die Sinneswahrnehmung sich verändert und ebenfalls einen fließenden Charakter annimmt. Es ist – wie wenn ich nun einen Videofilm vom Fluß aufnehme, der aber weder speicherfähig noch beliebig reproduzierbar ist. Mag auch die Sinneswahrnehmung ins Fließen gekommen sein, so befinde ich mich doch noch außerhalb des Flusses der Wirklichkeit am Ufer.

Mädchen aus Taormina (Wilhelm von Gloeden)

Erst wenn ich mich auch auf das Fühlen einlasse, tauche ich in den Fluß der Wirklichkeit ein und kann ihren Fließcharakter unmittelbar erleben. Neben dem Fluß der ersten gegebenen Wirklichkeit gibt es jedoch noch einen zweiten Fluß. Es ist der Fluß ich-bezogener Gedanken, die als Einbildung, Täuschung und Selbsttäuschung auch auf der emotionalen Ebene wirken und so eine zweite hausgemachte Wirklichkeit erzeugen. Um Wahrheit zu erkennen, bedarf es daher stets auch der Unterscheidung zwischen beiden Flüssen durch Überprüfung im Denken.

Zur Erhaltung des Gleichgewichts auf physischer Ebene wirken Fühlen und Bewegung (als unbewußtes Tun) im Gleichgewichtssinn harmonisch zusammen. Zur Erhaltung inneren Friedens, also des Gleichgewichts auf seelischer Ebene, ist ein harmonisches Zusammenwirken von Fühlen und Tun (als bewußtem Tun einschließlich bewußtem Denken) unabdingbar.

Grundlegend für das Erkennen der Wahrheit ist es, fühlbar im Einklang mit ihr zu sein.

Denken ist die Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen, eine Arbeit, die mir erlaubt, am Ufer des Flusses zu bleiben.
In Bezug auf die Wahrheit bin ich in der Situation eines Wahrnehmenden, also ein Nehmender. Was Wahrheit angeht, befinde ich mich in einem Zustand des Mangels, bin also bedürftig. Ich bedarf des Fühlens.

Durch das Fühlen merke ich sofort, daß ich mich inmitten eines Flusses befinde, weiß aber noch nicht, in welchem der beiden. Falls ich in den Fluß der ersten gegebenen Wirklichkeit eingetaucht bin, öffnet sich mir auch der Zugang zu Intuition und Ahnung und alle innere Arbeit reduziert sich auf das, was von selbst geschieht. Im anderen Fall, also eingetaucht in den Fluß der zweiten hausgemachten Wirklichkeit, bleibt dieser Zugang verschlossen und (meist unbewußte) innere Arbeit läuft auf Hochtouren. Erst durch die Überprüfung im Denken wird klar, in welchen der beiden Flüsse ich eingetaucht bin.

In Bezug auf die Wahrheit bin ich in beiden Fällen in der Situation eines Gebenden (Wahrgebung*), der Wahrheit verkörpert. Was Wahrheit angeht, befinde ich mich in einem Zustand des Überflusses. Innere Wahrheit fließt über und drückt sich in der äußeren Erscheinung aus. Denn welcher Fluß es auch sei, in dem ich mich überwiegend aufhalte, immer drückt sich diese innere Wahrheit im Körper, im Verhalten, in Krankheitsbildern und Ausstrahlung aus.

Aber auch völlig überraschend und unverhofft kann uns die Erkenntnis der Wahrheit ergreifen oder wie ein Blitz treffen.

* im Sinne von Jean Gebser

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