Wir leben in einer Zeit, die auf allen Ebenen von Wandel und Umwälzungen geprägt ist. Viele der alten Antworten taugen nicht mehr. Es erfordert Mut und auch den Willen, im Sinne Rilkes mit den vielen offenen Fragen zu leben und in die Antworten hineinzuwachsen, indem wir uns mit Forschergeist in Neuland vorwagen. Das kann nur mit Hilfe einer ehrlichen und offenen Kommunikation gelingen.

Die Gruppe und alles, was mit ihr in Zusammenhang steht, dient als Übungsfeld dafür, die innere Erfahrung in den Mittelpunkt zu stellen. Nur so können echte Gemeinschaft und Verbundenheit entstehen jenseits von Beurteilung oder der Erfüllung von Erwartungen. Damit sich das ganze Potential in diesem Prozeß entfalten kann, bedarf es einer einzigartigen Mischung aus wachsender Bewußtheit, Verantwortung und Hingabe jedes Einzelnen. Wachsende Bewußtheit über das, was aus den Tiefen des Unbewußten in jedem von uns aufsteigen will. Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen für das, was in mir ist, indem ich mich damit zeige und einbringe. Und schließlich die Bereitschaft zur Hingabe, in der es überhaupt erst möglich wird, alles so anzunehmen, wie es ist: angenehme und unangenehme oder abgelehnte Gefühle, Widerstände und Vorlieben in mir und in den anderen. Der Therapeut (bzw. die Therapeutin) ist dabei nicht Leiter oder Führer in dem Sinne, daß er die Richtung vorgibt, sondern ist vor allem Begleiter, der sich selber vom Fluß der Energie leiten läßt. Die Fließrichtung folgt dabei der natürlichen Selbstregulation. Zur Aufgabe des Therapeuten gehört es, das Augenmerk aller Teilnehmer immer wieder neu auf die Wahrnehmung dieses Flusses der Energie zu lenken.

Gemeinschaftsbildung in diesem Sinne geht von der in Erfahrung gegründeten Annahme aus, daß jedem Menschen Leitungsqualitäten und Führungskompetenz als Potential innewohnen. Jegliches Potential bedarf jedoch der Förderung durch Herausforderung und Übung. Als Teil der Gruppe hat auch jeder teil an der Leitungsaufgabe, die eine Aufgabe für die ganze Gruppe und daher nicht nur für einen Einzelnen ist. Lasse ich mich auf dieses Übungsfeld und seine Herausforderungen ein, so wächst in mir nicht nur die soziale Kompetenz im heilsamen Umgang mit den Themen menschlicher Entwicklung und Wandlung, sondern auch das Vertrauen in das kollektive Erfahrungs-Wissen, in emotionale Verbundenheit und Nähe und in die transformatorische Kraft ehrlicher und offener Kommunikation.

Ein Großteil der normalen in der Gesellschaft üblichen Kommunikation wird in diesem Prozeß schnell als Pseudokommunikation, als maskenhaft und falsch, durchschaut. Pseudokommunikation – das sind Geschichten aus der Vergangenheit oder Phantasien über Zukunft, die sowohl den Erzähler wie auch den Zuhörer ablenken von dem, was jetzt gerade die innere Wahrheit der Beteiligten ist, das sind die üblichen angelernten und aufgesetzten Umgangs-formen und das ist das Sprechen „über“ jemanden, der gerade nicht anwesend ist.

Hier werden verschiedene hilfreiche Hinweise für die Kommunikation bedeutsam, die sich ein jeder zu Herzen nehmen kann, um sich nicht in Irrwegen zu verlieren.

1. »Sprich von Dir« (von dem, was in Dir vorgeht)

2. »Sprich von dem, was jetzt ist« (also nicht von dem, was war oder vielleicht sein wird)

3. »Beobachte Deine inneren (körperlichen, emotionalen und gedanklichen) Reaktionen, doch laß Dich nicht zu einer vorschnellen äußeren Reaktion verleiten«

4. »Antworte erst, wenn Du wieder den ruhenden Pol in Dir spürst«

Meistens kommt es im Gruppenprozeß dann zu einer Phase des Chaos: Die in der Psyche errichteten Schutzmauern können die dahinter verborgenen Emotionen (Wut, Zorn, Angst, Trauer) nicht mehr zurückhalten. Vielleicht kommt es dabei auch zu gegenseitigen Vorwürfen und Projektionen, zu verbalen Angriffen und Übersprungshandlungen, die die Entwicklung eines Gemeinschaftsgefühls scheinbar unmöglich machen. Hier seien der 3. und 4. der hilfreichen Hinweise jedem nochmal ans Herz gelegt und ein weiterer hinzugefügt:

5. »Bleibe da bis zum Ende« (Flucht ist nie die Lösung, sondern immer nur vorübergehende Notlösung)

Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß früher oder später aus den Tiefen des Unbewußten die Leere auftauchen wird, vor der fast jeder erst einmal zurückschreckt (Horror Vacui). Leere kann vom Einzelnen sehr unterschiedlich erfahren werden – je nach dem, wo er sich in diesem Prozeß befindet. Leere kann als Mangel erlebt werden, als Nichterfüllung eines Bedürfnisses, sie kann als trostlos und schwer oder als durchlässig und leicht oder als Nichts empfunden werden – so, als gäbe es nichts mehr, was wichtig wäre – oder auch als Quelle der Kraft und Inspiration (vgl. dazu das Gedicht von Brecht).

Wenn sich der Einzelne mit seinen unmittelbar erlebten Impulsen in der Gruppe zeigt – selbst dann, wenn diese Impulse scheinbar verrückt sind –, so kann sich das Feld authentischer Erfahrung immer weiter öffnen, bis es die ganze Gruppe umfaßt. Alle können dann spüren, was es heißt, daß „das Ganze mehr ist, als die Summe seiner Teile“. In diesem Prozeß gibt es keine feststehenden Muster. Da das Geschehen nicht linear ist, kann es auch jederzeit anders und in anderer Abfolge verlaufen.

In der Begleitung des Prozesses der Gemeinschaftsbildung geht es darum, einen inneren Raum und ein gemeinsames Energiefeld entstehen zu lassen und aufrecht zu erhalten. Dabei ist es notwendig, sowohl vor den eigenen Urteilen und mentalen Angriffen wie auch vor denen der anderen in der Gruppe geschützt zu sein. Gelegentlich kann es sinnvoll sein, wenn der Begleiter Impulse gibt, auf Energieveränderungen hinweist, zeitliche Unterbrechungen vorschlägt oder auch Übungen anleitet (Atem-, Körperspür- und Bewegungs-Übungen usw.).

Der Begleiter bzw. die Begleiterin hält dabei die eigene Person nicht aus dem Geschehen heraus, sondern bringt sich als Teil des Gruppenprozesses mit ein. Weder gibt es ein vorgeplantes „Programm“, noch gibt es Vorgaben für den Begleiter bzw. die Begleiterin.

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