Wort-Herkunft, mythologische Symbolik und tiefenpsychologisches Verständnis einiger religiöser Festtage und Rituale

Weihnachten: Heilige Nächte – Rauhnächte

Das Wort „Weihnachten“ ist eine Mehrzahlbildung und bedeutet ursprünglich „geweihte Nächte“. „Weihen“ wiederum leitet sich von „Wehen“ ab – es ist das Wehen des Windes gemeint. Wind oder bewegte Luft gelten seit jeher als ein Symbol für Geist – Geist in Tätigkeit. Die geweihten Nächte sind also Nächte, die „durchweht“ oder erfüllt und bewegt sind von einem bestimmten Geist, der in christlicher Sprache als der heilige Geist bezeichnet wird. Heilig leitet sich von heil (= ganz) ab und meint somit einen Geist, der die Ganzheit kennt und erkennt und sich nicht durch die scheinbare Aufspaltung in Gegenpole (Gut und Böse) täuschen läßt.

In vorchristlicher Zeit wurden die Nächte zwischen der Wintersonnenwende am 21. Dezember und dem Dreikönigstag am 6. Januar auch als Rauhnächte bezeichnet. Rauh bedeutet dabei soviel wie haarig oder pelztragend und verweist auf wilde Tiere, die im Schutz der Nacht ihr Unwesen treiben und Leben und körperlich-seelische Unversehrtheit der Menschen bedrohen.

Der in früheren Zeiten übliche Mondkalender machte es erforderlich, am Jahresende 11 – 12 zusätzliche Tage anzuhängen, um den Kalender wieder in Übereinstimmung mit dem Sonnenkalender zu bringen, und so waren diese Tage und Nächte außerhalb der Ordnung der Zeit. Das trug noch dazu bei, daß die Menschen die Bedrohung für größer und gefährlicher als zu irgend einer anderen Jahreszeit hielten. Schutz suchten sie sowohl in der sicheren Behausung wie auch in Gebet und religiösem Ritual, und sie vermieden es, während der Nacht hinauszugehen.

Betrachtet man das bisher Gesagte unter dem Gesichtspunkt mythologischer und tiefenpsychologischer Symbolik, so wird seine Bedeutung auch für uns heute deutlich. Dunkelheit steht symbolisch für das Unbewußte und für die Ur-Angst des Menschen, Licht steht für Bewußtheit, Liebe und Ur-Vertrauen. Die Bedrohung, gefürchtet und in der Dunkelheit der Außenwelt vermutet, entpuppt sich als Projektion jener unkontrollierten zerstörerischen Kräfte, die der Mensch in sich selbst nicht wahrhaben will und die ihm nach ihrer unbewußten „Ausquartierung“ in seiner Erfahrung der Außenwelt wie in einem Spiegel wieder begegnen.

Der Kalender als menschliches Maß der Zeit kann nach Mondzyklen berechnet werden (weibliches Maß) oder nach dem Sonnenzyklus (männliches Maß). Weiblicher und männlicher Zyklus schwingen in verschiedenen Rhythmen, die innerhalb eines Jahres nicht in Einklang zu bringen sind, so daß es zusätzlicher Tage bedarf, die gewissermaßen außerhalb des menschlichen Zeitrahmens stehen. Neben der kosmologischen Bedeutung weist das auch darauf hin, wie empfänglich und aufnahmebereit gerade in dieser Zeit die Seele für jegliche Einflüsse ist – im Guten wie im Schlimmen oder Bösen.

Die im Dunkel des Unbewußten verborgenen Kräfte widersetzen und entziehen sich jeglicher Mäßigung. Weder gelingt eine Mäßigung – dem weiblichen Prinzip entsprechend – durch Umfassen, noch – dem männlichen Prinzip entsprechend – durch Teilen und Zerlegen (Analyse). Sind wir in der Projektion befangen ohne Bewußtheit für die Vorgänge in uns selbst, so ist es, als ob wir hinaus gingen in die Dunkelheit der Nacht, wo wir diesen zerstörerischen Kräften begegnen und nur allzu leicht ihr Opfer werden oder uns selbst durch den Kontakt mit ihnen in Bestien verwandeln.

Es geht also um Umkehr: unsere Aufmerksamkeit und alle unsere Seelenkräfte (Denken, Fühlen, Wollen und Tun) in ihrer Ausrichtung umzukehren, also nach innen hin auszurichten, so daß wir unseres Innersten gewahr werden können und dort Sicherheit und Schutz finden.

Menschliches Maß ist in jeder Hinsicht begrenzt und unterscheidet sich vor allem dadurch von göttlichem Maß: göttlich ist, was keiner Begrenzung unterliegt und dem Unendlichen zugehört. Sind wir als Menschen mit Kräften oder Ereignissen konfrontiert, die weit über unser Fassungsvermögen oder unsere eigene Kraft hinausgehen, so erfahren wir etwas von der Präsenz des Unendlichen und Göttlichen. Daher begegnet uns das Göttliche auch in den gefährlichen wilden Kräften, die uns bedrohen, die dunkle Seite Gottes, die uns zur Umkehr zwingt, zur Änderung unserer Lebensrichtung.

Weihnachten feiern wir inmitten dieser Dunkelheit. Betrachten wir die Geburt Christi und das Krippenbild als Mythos, als den zentralen christlichen Mythos, einmal aus tiefenpsychologischer Perspektive. Erst dadurch bekommt sie nämlich für unser eigenes Leben Bedeutung. Christus steht für das Licht der allumfassenden Liebe und des grenzenlosen kosmischen Bewußtseins (Christusbewußtsein, kosmisches Bewußtsein oder Buddha-Natur), das als Same, als Potential, jedem Menschen innewohnt. Ein Potential, das allerdings unsichtbar – im Verborgenen – schlummert und erst noch geboren werden muß.

Wird Christus tausendmal zu Bethlehem gebor’n
und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verlorn.

Das liebste Werk, das Gott so inniglich liegt an,
ist, daß er seinen Sohn in dir gebären kann.

Ist deine Seele still und dem Geschöpfe Nacht,
So wird Gott Mensch und alles wiederbracht.

Angelus Silesius: Der cherubinische Wandersmann

Jesus verkörpert in menschlicher Gestalt das Christusbewußtsein, dessen Geburt eigentlich am dunkelsten Tag des Jahres stattfindet, also zur Wintersonnenwende, zur dunkelsten Stunde, nämlich um Mitternacht an einem Ort der Dunkelheit (dem Stall: In alten Zeiten war es üblich, Höhlen als Ställe für die Unterbringung der Tiere zu nutzen). Wie oben schon gesagt, steht Dunkelheit symbolisch für Unbewußtheit und Angst; der dunkle Ort ist als Hinweis auf den menschlichen Leib zu verstehen, in den sich die unbewußten Anteile des Geistes zurückgezogen haben und der dadurch zu einem Hort des Unterbewußtseins geworden ist. An diesem dunklen Ort vollzieht sich die Geburt des Lichts.

Wenn wir das weihnachtliche Krippenbild anschauen, sehen wir das Christuskind in der Krippe liegen, also im Futtertrog der Tiere. Die anwesenden Tiere sind friedlich gesinnt und repräsentieren unbewußte, doch positive, duldsame Gemütskräfte. Die Hirten, die kurz nach der Geburt dazukommen, sind nicht nur gefühlsbetonte, sondern herzliche, also vom Herzen geleitete und bestimmte Menschen – Hüter der ihnen anvertrauten Tiere.

Die heiligen drei Könige repräsentieren Weisheit und die Fähigkeit, abstrakte Symbole zu verstehen. Sie sind Kundige, die Sternbilder kennen und als kosmische Signatur zur Orientierung nutzen können. Mit ihren Fähigkeiten gelingt es ihnen, die im Kosmos angekündigte Geburt des Christus überhaupt zu bemerken und den Weg bis nahe zum Geburtsort zu finden, nur für das letzte Wegstück sind sie auf die Hilfe der Herzensmenschen angewiesen.

Maria ist die lateinische Version des hebräischen Namens Mirjam und läßt in der lateinischen Form die Nähe und Verwandtschaft zu mare erkennen, dem Meer. Als die Mutter Jesu symbolisiert sie den weiblichen Aspekt der Seele, die Weite und Tiefe des Meeres, Gelassenheit als Fähigkeit, in sich zu ruhen gepaart mit der Bereitschaft, alles geschehen zu lassen, Offenheit für alle Einflüsse, das ewige Kommen und Gehen der Wellen, der Bewegungen des Lebens in uns, das auf physischer Ebene seine Entsprechung im nicht-kontrollierten Atem findet. Daß Maria ihr Kind als Jungfrau zur Welt bringt, wird sofort klar, wenn wir es symbolisch verstehen: die Seele trägt den göttlichen Keim immer schon in sich, sie bedarf also keiner Befruchtung von außen, um Christus zu gebären.

Josef heißt im Hebräischen „Er (Gott) fügt hinzu“ und repräsentiert als Vater Jesu den männlichen Aspekt der Seele, jenen denkenden Geist, der beständig neue Formen hinzufügt. Josef ist Zimmermann und wirkt als solcher beim Hausbau, insbesondere bei der Errichtung des Dachstuhls mit. Das Haus kann als Symbol für die weltliche Identität des Menschen verstanden werden, für die Persönlichkeit, die wir uns zurecht gezimmert haben. Josef läßt sich dabei demütig vom Innersten, d.h. von Gott, leiten.

Wenn wir bereit geworden sind, nichts mehr zu vermeiden und auch den dunkelsten Ort in uns selbst aufzusuchen, finden wir dorthin, wo die bedingungslose Liebe geboren wird. Nur innen, im Innersten, finden wir den göttlichen Keim als unseren Wesenskern. Jenseits von Gedanken können wir uns tief in die Stille versenken und ihr unser Wertvollstes schenken: ungeteilte Aufmerksamkeit.

 

 

Ostern

Das Osterfest ist älter als das Christentum. Vom Ursprung des Wortes her hat Ostern mit Osten und der im Osten aufgehenden Morgenröte zu tun: das Licht, das die Nacht beendet, das Licht, das der dunklen Jahreszeit ein Ende setzt – die Feier des Frühlings und der Überwindung des Todes durch das Leben.

So wie die Sonne im Osten aus der Verborgenheit der Nacht wieder aufsteigt, so aufersteht das Licht des sich selbst erkennenden Geistes aus dem Dunkel des Unbewußten.

Der Weg, den Jesus Christus und alle anderen von Weisheit und göttlichem Feuer durchdrungenen Männer und Frauen aus allen Religionen und zu allen Zeiten gezeigt haben, ist im Prinzip immer der gleiche: eine Haltung zu erwerben und in jeder Situation beizubehalten, in der ich mich öffne für das, was da ist. Nicht Vorstellungen, die sich auf Vergangenheit oder Zukunft beziehen, erfüllen den Geist, sondern nur die Gegenwart des Hier und Jetzt. Diese Haltung erlaubt es mir, mich auch auf die Dunkelheit einzulassen, das heißt, auch für das zu öffnen, was noch im Dunkel liegt und darauf zu vertrauen, daß das Licht kommt.

Der Weg zur Befreiung des menschlichen (das heißt hier vor allem: des beschränkten) Bewußtseins aus allen Fesseln und sein Aufstieg zum allumfassenden göttlichen Bewußtsein (Auferstehung) ist ein langer Prozeß der schrittweisen Annahme unserer körperlichen und seelischen Befindlichkeit einschließlich alter Verletzungen und ungestillter Bedürfnisse und der Umwandlung der hinderlich gewordenen alten Muster. Versteht man unter dem »alten Adam« die Gesamtheit der alten Prägungen (Charakter- und Persönlichkeitsstruktur), so muß der »alte Adam« tatsächlich sterben – und zwar in freiwillig getroffener Entscheidung.

Erst wenn die Zeit hinter uns liegt, in der wir vermieden haben, was an Gefühlen und Bildern in uns aufsteigt, wenn wir endlich bereit sind, uns erschüttern und mitnehmen zu lassen von allem, was in unser Bewußtsein kommt, werden wir schließlich des Unzerstörbaren und Unwandelbaren gewahr.

 

Taufe

Taufen kommt sprachgeschichtlich von Tauchen bzw. Eintauchen: Eintauchen in Wasser. Ein Mensch, der seinen Körper in Wasser eintaucht, erfährt Reinigung, Kühlung, die Anpassungsfähigkeit des Elements Wasser, das ihn umfließt oder benetzt, Beweglichkeit im Kontakt. Damit ist auch die symbolische Ebene angedeutet: Taufe ist rituelle Reinigung durch Reue, d.h. durch Trauer und Schmerz über begangene Fehler, eine Änderung des Sinnes, die nicht durch Härte erzwungen, sondern durch weichen, beweglichen Kontakt ermöglicht wird. Änderung des Sinnes heißt Umkehr: das Bewußtsein ist nicht mehr der Außenwelt verhaftet, sondern wendet sich nach innen, dem eigenen Wesenskern zu.

So ist die Taufe mit Wasser der Anfang einer Entwicklung, die mit der Taufe durch den heiligen Geist ihren Höhepunkt findet: die Seele taucht ein in den Geist der EINHEIT, in das ALL-EIN-SEIN. In dieser Entwicklung ist der Mensch einer Raupe vergleichbar, die in sich die Möglichkeit des Schmetterlings birgt. Taufe ist eine Signatur jener Stufe in dieser Entwicklung, wo in der Raupe die Ahnung von der Existenz des Schmetterlings erwacht: das Bewußtsein ist nicht mehr nur auf die sterbliche Hülle fixiert, sondern öffnet sich dem wahren Wesen.

 

Konfirmation

Das Wort ist lateinischen Ursprungs und bedeutet gemeinsame Festigung, Festigung im Glauben. Ist Glaube gleichbedeutend mit unseren tiefsten Überzeugungen?

Überzeugungen sind stets Über-Zeugungen (Jean Gebser), also eine Überreaktion, Verallgemeinerung, die einen Schritt zu weit geht. Wir können nur Zeugnis ablegen vom jeweils gegenwärtigen Augenblick und dem, was wir dabei sehen, hören, riechen, schmecken, spüren und im Innersten fühlen. Wie glaubwürdig dieses Zeugnis, diese Bezeugung der Wahrheit ist, hängt vor allem vom Maß unserer Offenheit ab. Wenn wir also unter Glaube nicht einfach unsere tiefsten Überzeugungen verstehen, die unsere Weltsicht verengen und uns von Menschen mit anderen Überzeugungen unterscheiden und trennen, so bleibt als Kern allen Glaubens nur eines übrig: eine Offenheit, die uns mit dem Nächsten verbindet, das Urvertrauen oder Grundvertrauen zum Leben, zum größeren Ganzen. Dieses größere Ganze übersteigt alle unsere Vorstellungen. Seit ein paar Tausend Jahren verwenden wir in unserer Tradition dafür das Wort GOTT, das eine gemeinsame sprachliche Wurzel mit dem Wort „Gut“ hat: das Gute jenseits von „gut“ und „böse“, also jenseits unserer Unterscheidung, das durch unser Denken oder Urteilsvermögen nicht erfaßt, aber mit Leib und Seele erfahren werden kann.

Glaube wird gefestigt vor allem durch den Kontakt und die Verbundenheit mit jenen Menschen, die sich im Herzen für das größere Ganze geöffnet haben, egal welcher Konfession oder Religion sie angehören. Glaube ermöglicht einen Vorschuß an Vertrauen, der nötig ist, um sich voll und ganz auf dieses Leben einlassen zu können. Glaube ist im mathematischen Sinne notwendig, aber nicht hinreichend für unser Lernen und unsere innere Entwicklung. Darüber hinaus brauchen wir auch den Willen und die Bereitschaft, die eigenen Überzeugungen immer wieder in Frage zu stellen und uns unserer zunächst unbewußten Vorannahmen über das Leben, über Gott und die Welt und über uns selbst bewußt zu werden, um dann über diese selbst auferlegten Beschränkungen hinauszugehen.

 

Hochzeit

Heirat wird dadurch zur Hoch-Zeit, daß sich Mann und Frau gemeinsam dem Höchsten zuwenden, dem, was beiden heilig ist – wie immer er oder sie es nennen mag – die LIEBE, das LEBEN, das LICHT, die EINHEIT oder GOTT. Beide wenden sich dem zu, was die Welt der Formen, diese begrenzte Welt, die durch Raum, Zeit und Materie definiert ist, übersteigt: der Inhalt, der in allen Formen enthalten ist, das Grenzenlose, das wir erahnen, spüren, erfahren, aber nicht erfassen können. Himmel ist ein Bild dafür. Ehen werden im Himmel geschlossen, im Reich dieses Grenzenlosen, das wir auch Ewigkeit nennen. Nur wenn Mann und Frau jetzt und immer wieder in ihre Ewigkeit eintauchen, Grenzenlosigkeit erfahren in der Tiefe der Seele, kann Ehe in der Bewährungsprobe des gelebten Alltags gelingen.

So bedeutet Hoch-Zeit, daß Mann und Frau als die aufeinander bezogenen Gegenpole sich dem Höchsten zuwenden – der Einheit, in der die Polarität aufgehoben ist – um miteinander und ineinander das Wesen zu erkennen.