Heilung heißt Ganzwerdung

Eins mit dem Ganzen – im Einklang mit allem

Heilung nur als Heilung von körperlicher Krankheit zu verstehen, ist Ausdruck des materialistischen Mißverständnisses vom Mensch-Sein (vgl. dazu Stephen Levine, Sein Lassen) und geht meistens einher mit der Weigerung, sich auf Innenschau und Selbstergründung einzulassen. Ist der Mensch doch vor allem ein geistiges Wesen, das im körperlichen Dasein sichtbaren Ausdruck findet. Dieses geistige Wesen des Menschen tritt – in Energie-Zentren aufgefächert – im menschlichen Leib in Erscheinung: als Bauchzentrum (mit dem Überlebensinstinkt), als Herzzentrum (mit Liebesfähigkeit und Spürsinn) und als Kopfzentrum (mit Vorstellungs- und Denkvermögen). Das Wesen des Menschen ist Geist in der Bedeutung des lateinischen Wortes „spiritus“ und umfaßt alle drei Energie-Zentren als ein Ganzes.

Heiliger Geist als Friedenstaube, Erich Keppler, pixelio.de

Geist in der Bedeutung des lateinischen Wortes „mens“ meint hier die im Kopf lokalisierte geistige Fähigkeit, die das, was meßbar ist, zu erfassen und zu verstehen sucht und die im Menschen in seinem Vorstellungs- und Denkvermögen ein Niveau erreicht hat, das ihm Erkenntnis ermöglicht. Jedoch kann der mentale Geist die ganze Wirklichkeit bzw. die Wirklichkeit als Ganzes niemals erfassen, begreifen oder verstehen, da sie sich in ihrer Unermeßlichkeit, Komplexität und Vielschichtigkeit jedem messenden Zugriff entzieht.

Stets nimmt der mentale Geist nur Teilbereiche der Wirklichkeit wahr (vgl. dazu die Geschichte von den Blinden und dem Elefanten). Sobald er von diesen Teilbereichen auf das Ganze schließt, erliegt er der Täuschung.

„Man sieht nur mit dem Herzen gut.
Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“
Antoine de Saint-Exupéry

Einem Affen oder einem jungen Hund ähnlich – ist der mentale Geist nicht gewohnt, längere Zeit nur in der rezeptiven Haltung bloßer Wahrnehmung zu verweilen. Diese Haltung ist die Grundlage der Vernunft: vernehmen, was ist – mit Achtsamkeit nach innen und außen. Der dem Kopf zugeordnete mentale Geist springt jedoch immer wieder auf und wird aktiv – getrieben von einer inneren Haltung, die verstehen will, was noch nicht klar ist. Auch diese Haltung gehört zum Mensch-Sein und ist die Grundlage des Verstandes. Der Kopf tut etwas mit der Wirklichkeit und behandelt sie als Objekt, das er durch Analyse und Urteil nach eigenem Ermessen zurichtet und angreift. Jedes im Kopf gefällte Urteil wiederholt die mentale Ur-Teilung, die Aufspaltung der einen Wirklichkeit in einen guten (= akzeptierten und erwünschten) und einen bösen oder schlechten (= abgelehnten und verteufelten) Teil. Als unvermeidliche Konsequenz der Ur-Teilung wird der abgelehnte Teil der Wirklichkeit aus dem menschlichen Bewußtsein verdrängt. Der verdrängte Teil wird dann nur noch bei anderen bzw. in der Außenwelt wahrgenommen, das heißt als Feindbild projiziert. Im Normalfall befindet sich also der Kopf oder mentale Geist im Kriegszustand mit der einen Hälfte der Wirklichkeit. Er glaubt, alles Übel käme von dem als böse oder schlecht beurteilten Teil der Wirklichkeit, der in letzter Konsequenz ausgerottet werden müßte. Dazu entwickelt er immer neue Strategien, die er zur „Problemlösung“ anbietet. Daß die Wurzel allen Übels die von ihm selbst vorgenommene Ur-Teilung der Wirklichkeit ist, bleibt ihm solange verborgen, bis er anfängt, den Blick auf sich selbst zu richten und seine eigenen Funktionsprinzipien gründlich zu untersuchen.

Die „menschliche Beschränkung“ des Bewußtseins bedingt jenen unvermeidlichen und grundlegenden Irrtum (lat. errare humanum est), der Leiden und Krankheit auf den verschiedenen Ebenen des Daseins zur Folge hat. Heilung des „beschränkten Bewußtseins“ vom mentalen Geist oder Kopf zu erwarten, heißt, den Bock zum Gärtner zu machen.

Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren
Sind Schlüssel aller Kreaturen,
Wenn die, so singen oder küssen,
Mehr als die Tiefgelehrten wissen,
Wenn sich die Welt ins freie Leben
Und in die Welt wird zurückbegeben,
Wenn dann sich wieder Licht und Schatten
Zu echter Klarheit werden gatten,
Und man in Märchen und Gedichten
Erkennt die wahren Weltgeschichten,
Dann fliegt vor einem geheimen Wort
Das ganze verkehrte Wesen fort.
Novalis (Friedrich von Hardenberg, 1772 – 1801)

Heilung kann nur von dort kommen, wo niemals so etwas wie eine Ur-Teilung stattgefunden hat: vom innersten Wesen, das – unberührt von allen Urteilen – immer mit sich und allem in Frieden – war, ist und sein wird. Als unteilbar (lat. Individuum) wohnt der alles umfassende Geist (= spiritus) im Herzzentrum. Nur von dort aus ist die bedingungslose Akzeptierung aller Erscheinungsformen der Wirklichkeit möglich ałs Voraussetzung für Ganzwerdung und Heilung.

Sonnen-Mosaik (Bild 458856 – Rainer Sturm – pixelio.de)

Erlösung kommt von innen, nicht von außen,
und wird erworben mehr als nur geschenkt.
Sie ist die Kraft des Innern, die von draußen
rückstrahlend deines Schicksals Ströme lenkt.
Was fürchtest du ? Es kann dir nur begegnen,
was dir gemäß und was dir dienlich ist.
Ich weiß den Tag, da du dein Leid wirst segnen,
das dich gelehrt zu werden, was du bist.
Ephides (Hella Zahrada, 1896 – 1966)

Alles, was ist, ist in uns, in diesem allumfassenden Bewußtsein, das wir im tiefsten Grunde sind. Es ist, als ob alle Aspekte der Wirklichkeit sehnsüchtig darauf warten, endlich mit und in der Liebe des geöffneten Herzens angeschaut zu werden. Heilung ist erst vollständig, wenn wir an keiner Überzeugung mehr festhalten, wenn wir uns dem Leben vollkommen anvertrauen und sich der Nebel aller Selbsttäuschung in der Klarheit der Selbsterkenntnis aufgelöst hat.

 

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