Vorbemerkung

Wie die Naturgesetze wirken – unabhängig davon, ob sie von Menschen erkannt, anerkannt oder berücksichtigt werden, so wirken auch die hier dargestellten geistigen Gesetze im Leben und Schicksal des Menschen. Da die Reihenfolge dieser Gesetze (wie auch bei den 10 Geboten) eine Rangfolge oder Hierarchie zum Ausdruck bringt, hat der Verfasser sie (abweichend von anderen Versionen der Überlieferung) ihrer Rangfolge entsprechend angeordnet. Diese Darstellung gibt lediglich das Verständnis des Verfassers wieder ohne Anspruch auf korrekte Wiedergabe der historischen Quellen.
Die überlieferten Texte wurden Hermes Trismegistos zugeschrieben („Hermes, der dreifach Große“), der als mythologische Figur vermutlich aus der Verschmelzung des altgriechischen Gottes Hermes mit dem altägyptischen Gott Thot hervorgegangen ist.
Hermes verkündet als Götterbote die Beschlüsse des Zeus und führt die Seelen der Verstorbenen in die Unterwelt (Hades). Er gehört zu den zwölf großen Olympischen Göttern.
Thot gilt als Erfinder der Schriftzeichen (Hieroglyphen) sowie als Sekretär der Götter. Als Messender, als Gott des Maßes, ist er der der Welt innewohnende Geist der Ordnung und Gesetzmäßigkeit. So ist er der Vertreter des Geistes (mens/mind) schlechthin und der Schutzgott aller irdischen Gesetze.
Etwa im 2. Jahrhundert v. Chr. wurden die folgenden Prinzipien in hellenistischen Texten niedergeschrieben, die später unter dem Namen „Corpus Hermeticum“ bekannt wurden.

1. Gesetz: Prinzip des Geistes, der Geistigkeit oder der Mentalität

Geistige Prinzipien oder Schicksalsgesetze

Die Quelle allen Lebens ist unendlicher schöpferischer Geist. Das All, das Universum – einfach alles, was in Erscheinung tritt – kommt aus diesem Geist. Das Universum ist eine geistige Erscheinung, gewissermaßen ein Gedanke des göttlichen Geistes. Geist (lat. mens, engl. mind) und Geist (lat. spiritus, engl. spirit) sind hier eins und ungetrennt: die Mentalität ist Spiritualität. Der unendliche schöpferische Geist ist dimensionslos (wie ein Punkt in der Geometrie) bzw. unendlich dimensional (was auf dasselbe hinausläuft). Geist herrscht über Materie, weil Materie eine Erscheinungsform des Geistes ist. Für den Menschen ist die eigentliche Aufgabe, sein zunächst beschränktes menschliches Bewußtsein immer mehr zu erweitern, zu vertiefen und zu öffnen für das unendliche kosmische Bewußtsein. So wird es möglich, daß seine von der Dualität oder Zweiheit beherrschte Welt-Erfahrung in der inneren Erfahrung der Einheit aufgehoben wird. Erst dann kann er die Vollkommenheit der Schöpfung als das ihm anvertraute Erbe auch in seinem Bewußtsein annehmen. Alles verändert sich dadurch: sowohl der einzelne Mensch wie auch seine Welt. An die Stelle von Unwissenheit (Unbewußtheit) tritt das Wissen des Lebens, das Gewahr-Sein. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Intensität der Sehnsucht nach Wahrheit, Frieden und Befreiung.

2. Gesetz: Prinzip der Schwingung, der Resonanz und Anziehung

Om bzw. Aum steht nach hinduistischem Verständnis für den transzendenten Urklang, aus dessen Schwingung das gesamte Universum hervorgegangen ist. Auch in der christlichen Tradition heißt es (Johannes 1:1): „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort.“ Jedes Wort kommt aus dem einigen Geist (oder aus dem gespaltenen Geist), geht mit einer entsprechenden Schwingung einher, die für die Bedeutung des Wortes der Träger ist und setzt einen Schöpfungsprozeß in Gang. Schwingungen gleicher oder ähnlicher Frequenz geraten miteinander in Resonanz und verstärken sich dadurch gegenseitig. Schwingungen ungleicher Frequenz bleiben ohne gegenseitige Resonanz, bilden aber miteinander Interferenzen, Überlagerungen und Knotenpunkte. So entsteht die Vielfalt der Erscheinungen. Welt entsteht als physische Gegebenheit. Nichts in der Welt ruht, alles fließt, alles ist in schwingender Bewegung. Jeder Mensch kann immer nur jene Bereiche der Wirklichkeit wahrnehmen, für die er eine Resonanzfähigkeit besitzt. Die Spiegelneuronen sind die materielle Entsprechung der Bereitschaft zum Mitgefühl, die als Potential jedem Menschen innewohnt. Die  Eigenschaften der Dinge sind von ihrer Schwingungsfrequenz bestimmt (Beispiel: Wasser). Je höher die Frequenz, umso deutlicher werden die Eigenschaften, die als „himmlisch“ gelten: Aufwärtsbewegung, Auflösung von Form und Begrenzung, Durchlässigkeit für Licht. Je niedriger die Frequenz, umso deutlicher werden die Eigenschaften, die als „irdisch“ gelten: Abwärtsbewegung, Verdichtung von Form und Begrenzung, zunehmende Brechung des Lichts bis zur Undurchlässigkeit.

3. Gesetz: Prinzip der Entsprechung oder Analogie

„Wie im Himmel, so auf Erden“ (Matthäus 6:10) ist die allgemein bekannte Formel aus dem Vaterunser. Wie es im Geist  (bzw. im Geist) ist, so ist es in der irdischen Erscheinungswelt. Wie oben, so unten, wie innen, so außen, wie im Großen, so im Kleinen. Analogie heißt, daß eine bestimmte Botschaft von verschiedenen Schwingungen transportiert werden kann, auch wenn diese sich inbezug auf Ebenen und Frequenz unterscheiden. Bekanntes Beispiel ist die Melodie, die in verschiedenen Tonarten und Tonlagen als die gleiche erkennbar bleibt. Bedeutung bekommt etwas nur dadurch, daß es auf ein größeres Ganzes bezogen ist (z.B. der einzelne Ton auf die Melodie). Für alles, was es gibt, gibt es auf jeder Ebene des Daseins eine Entsprechung. Daher ist es möglich, das Große im Kleinen und das Kleine im Großen zu erkennen. Umwelt und Außenwelt sind Spiegel für den abgelehnten Teil der Innenwelt des Menschen. Was ein Mensch von anderen denkt, steckt in ihm selbst – meist noch unerkannt. Wenn sich ein Teilbereich wandelt, wirkt das zurück auf andere Teilbereiche. Wenn der Mensch sich ändert, verändert sich alles um ihn herum. Das persönliche Verhalten bestimmt die persönlichen Verhältnisse und die gesamten Lebensumstände. Was ein Mensch fühlt und tut, das wird er. Was seinen täglichen Handlungen, Gedanken und Emotionen entspricht, wird mit magnetischer Kraft in sein Leben gezogen. Negativität zieht Negatives an. Angst zieht das befürchtete Übel an und führt daher oft zu Krankheit, Depression oder Tod. Aber auch eine positive Haltung zieht Entsprechendes an. Hier nochmal in christlicher Fassung (Matthäus 25:29): „Denn wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“

4. Gesetz: Prinzip der Polarität, der Zweiheit oder der Dualität

Menschlicher Geist – und somit auch das menschliche Bewußtsein – ist zwiespältig, polar und mit seinen Beschränkungen identifiziert. Dem liegt das erste Urteil zugrunde, die Ur-Teilung, die eine Grenze gezogen hat zwischen »Ich« und »Nicht-Ich«, zwischen »Subjekt« und »Objekt«. Eine Grenze, die allerdings nur im Geist (mens/mind) des Menschen existiert. Erst die Fähigkeit zur Negation, zur Verneinung, ermöglicht diese Ur-Teilung (in der Tradition der katholischen Kirche auch Ur-Sünde genannt).
Nachdem sich aus der Verborgenheit des Geistes (spiritus/spirit) etwas gezeigt und offenbart hat, also in Erscheinung getreten ist, kann nun auch im Bewußtsein des Menschen Welt entstehen als mentale Widerspiegelung (2. Wirklichkeit) der physisch in Erscheinung getretenen Welt (1. Wirklichkeit). Indem der Mensch nun eine Form (oder viele Formen) wahrnimmt, entsteht in seiner Vorstellungswelt, also in seinem Geist, der dreidimensionale Raum (mit Länge, Breite und Höhe von jeweils unendlicher Ausdehnung). Indem er dann auch Wechsel und Wandel der Formen wahr-nimmt, entsteht die Zeit als 4. Dimension (ebenfalls von unendlicher Ausdehnung). Sind Welt, also Raum und Zeit und damit auch Weltbild und Selbstbild schließlich als mentale Spiegelbilder im Geist entstanden, so war die Dualität oder Zweiheit von Anfang an als Pate dabei: alles hat zwei Seiten oder zwei aufeinander bezogene Gegenpole, die sich gegenseitig bedingen. Zu jedem Gedanken (These) gibt es einen Gegengedanken (Antithese), zu jeder Kraft eine Gegen-kraft, zu jeder Erscheinung eine Negation dieser Erscheinung:

„Ich bin der Geist, der stets verneint! Und das mit Recht; denn alles, was entsteht,
ist wert, daß es zugrunde geht; …“ (Mephisto in Faust I).

Der Geist der Verneinung ist der Herrscher der Welt. Da jegliche Mentalität hier nur noch auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit, auf einen Teil des Ganzen, bezogen ist, erscheint sie als Gegenspieler zur Spiritualität, die ja immer nur auf das Eine, das Ganze, das Unendliche bezogen bleibt, auch wenn sie das Endliche und Irdische im Blick hat.
Die Pole werden als mehr oder weniger unvereinbare Gegensätze empfunden. Gegenpole sind jedoch ihrem Wesen und ihrer Schwingung nach gleich – lediglich in der Schwingung phasenverschoben. Nach der vom ersten Urteil bewirkten Ur-Teilung sind alle Wahrheiten nur noch halbe Wahrheiten – außer der Wahrheit Gottes, die von alldem unberührt, ungeteilt, eins und unaussprechlich ist. Jedes Paradoxon, jeder Widerspruch kann im Sinne Hegels aufgehoben werden – aber eben nur in der Mitte. Daraus ergibt sich, worauf jeder Mensch sich übend vorbereiten kann, nämlich in vielerlei Hinsicht seine alte Weltanschauung aufzugeben: aufzugeben, über sich und andere zu urteilen, aufzugeben zu verurteilen, aufzugeben, auf der Grundlage der eigenen Beschränktheit zu werten, auch die Gegenmeinung anzuerkennen. Vom jeweiligen Standpunkt aus gesehen, haben alle recht. Nirgendwo in der Welt erscheint das Ganze als Ganzes, immer schon ist es zerfallen in Einzelteile und Gegenpole. Doch indem jede Polarität zur Einheit drängt, kommt darin etwas von der unaussprechlichen ganzen Wahrheit zum Ausdruck. Die verlorene Ganzheit ist in der Welt nicht wiederzufinden, auch nicht in irgendwelchen inneren geistigen Welten (die eben auch Welten sind). Nur in der bewußten inneren Erfahrung vollkommener Stille und Leere wird es dem Menschen möglich, die Ganzheit, das Heil und den damit einhergehenden Frieden wiederzufinden.

5. Gesetz: Prinzip des Rhythmus (= Zyklen des Lebens)

Im Atem-Rhythmus wird das Grundprinzip von jeglichem Rhythmus erkennbar. Alles fließt – wie der Atem – in eine Form hinein und aus jeglicher Form auch wieder hinaus. So haben alle Phänomene ihre Gezeiten, steigen und fallen, gleichen darin dem Schwingen eines Pendels. Das Ausmaß des Schwunges nach rechts entspricht dem Ausmaß des Schwunges nach links. Wie die Atempause natürlich zum Atemzyklus gehört, so gehört auch der Tod ganz natürlich zum Leben dazu. Tod ist also nicht des Lebens Gegenspieler, sondern eine Phase in seinem Wandlungsprozeß. Leben strebt zur Harmonie, zum Ausgleich, und Ausgleich vollzieht sich im Rhythmus. Was starr ist, muß zerbrechen. Indem sich verschiedene Wirkungen ausgleichen, wird so schnell wie möglich wieder ein Gleichgewicht hergestellt. In Bewegung und Austausch drückt sich Leben aus und vollzieht sich in harmonischer Wechselbeziehung von Geben und Nehmen. Geben und Nehmen sind verschiedene Aspekte des kosmischen Energiestromes. Indem der Mensch gibt, wonach er sucht, lädt er das Gesuchte in sein Leben ein. „Geben ist seliger denn Nehmen“ (Apostelgeschichte 20:35). Indem er alle bewußten und unbewußten Gedanken an Mangel und Begrenzung in sich auflöst, öffnet er sich der Fülle und wird innerlich bereit, diese auch anzunehmen.

6. Gesetz: Prinzip von Ursache und Wirkung (= Kausalität oder Karma)

Jede Wirkung kann als Ergebnis einer Ursache oder einer Kombination von Ursachen angesehen werden. Jedes Tun erzeugt eine Wellenbewegung, die früher oder später zum Ausgangspunkt oder ihrem Erzeuger zurückkehrt. Die Wirkung entspricht in Qualität und Quantität ihrer Ursache. Alles in dieser Welt geschieht gesetzmäßig – in Übereinstimmung mit Naturgesetzen bzw. geistigen Gesetzen oder Prinzipien, die die Welt des Menschen bestimmen. Dieses 6. Gesetz gilt allerdings nur auf der Ebene der Menschenwelt, nicht aber auf den Ebenen von Mikro- und Makrokosmos (vgl. Heisenbergs Unschärferelation in der Quantenphysik). Jeder Gedanke, jedes Gefühl, jede Tat ist Samenkorn, das Früchte hervorbringt. Der Mensch ist daher sowohl Schöpfer, Träger wie auch Überwinder seines Schicksals. Was der einzelne Mensch als Schicksal, Schuld, Glück, Pech oder Zufall erlebt, ist Wirkung unbewußter Ursachen. die weit (viele Jahrhunderte oder Inkarnationen) zurückliegen können. Jeder Mensch ist also für sich selbst allein verantwortlich! Von all seinem Denken, Fühlen und Handeln bleibt nichts ohne Wirkung. Daraus ergibt sich der Weg in die Freiheit: sich Schritt für Schritt abzuscheiden von Angst, Zorn und Gier und sich in unbedingtem Vertrauen der Liebe zu öffnen.

7. Gesetz: Prinzip des Geschlechts

Jede Erscheinung trägt Züge des männlichen und des weiblichen Prinzips bzw. einen Plus-und einen Minus-Pol in sich und ist somit sowohl männlich als auch weiblich. Das Prinzip des Geschlechts ist die Zeugungsfähigkeit, die sich auf allen Ebenen offenbart und Neues erzeugt, wenn sich Gegenpole ergänzen und vereinen. Die aus der Anziehung gegenpolarer Energien hervorgehende Dynamik ist wichtigster Entstehungsgrund für Vielfalt und Verschiedenheit.

Über allen Gesetzen steht die Liebe und Gnade des göttlichen Geistes!

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