Bildung der Herzform

Bildausschnitt (hands-heart-heart-shape-1426704, pexels)

Nach dem tiefgründigen Verständnis Meister Eckeharts kann der Bildungs-Prozeß in zwei Hauptphasen eingeteilt werden:
1. Die Phase der Einbildung (Ein-Bild-ung)
2. Die Phase der Entbildung (Ent-Bild-ung)
Was ist damit gemeint? Wie ist das zu verstehen?
Zum Verständnis ist es notwendig, sich erst einmal von dem landläufigen, oberflächlichen Verständnis von Bild und Bildung zu lösen. Bild ist hier nicht gemeint als optisches Phäno-men, das in einer Bilddatei im jpg-, tiff- oder einem anderen Format gespeichert werden könnte. Bildung ist auch nicht gemeint als persönliche Aneignung und Integration über-lieferter wertvoller Kulturgüter.
Bild im allgemeinsten Sinn ist nicht auf das Sehen oder die optische Ebene beschränkt, sondern meint alles, was Gestalt angenommen hat. So können sich auch Geräusche bilden, wo vorher Stille war oder Gerüche, wo zuvor – auch mit noch so feiner Nase –nichts zu riechen war. Bild ist so etwas wie eine Offenbarung des Wirkens unsichtbarer Kräfte: wenn sich etwas Erkennbares (Sichtbares, Hörbares, Fühlbares) bildet, wenn etwas entsteht, das scheinbar aus dem Nichts kommt. Am wolkenlosen Himmel bildet sich zum Beispiel eine Wolke, oder ein Kristall bildet sich in einer klaren wässrigen Lösung. Bei diesen Vorgängen wirken Kräfte, die wir nicht wahrnehmen und deren Wirken wir nur am sichtbaren Ergebnis erkennen. Bild in diesem Sinne ist also eine Momentaufnahme eines Bilde-Prozesses. Die Wirklichkeit ist stets im Wandel: Alles fließt (Heraklit). Bilder in diesem weit gefaßten Sinn entstehen nicht nur in der physischen Außenwelt als Moment-aufnahmen des Wandels, sondern auch in der geistigen (hier ist gemeint: mentalen) Innenwelt des Menschen. Der mentale Geist neigt jedoch dazu, Bilder als Feststellungen der Wirklichkeit mißzuverstehen: der Fließcharakter der Wirklichkeit (einem Film mit be-wegten Bildern vergleichbar) wird ersetzt durch eine große Zahl statischer Bilder (ver-gleichbar einer Foto-Sammlung).
Schließlich sei noch darauf hingewiesen, daß jedes Bild eine magische Wirkung auf die Ausrichtung der Aufmerksamkeit hat: es zieht die Aufmerksamkeit magisch auf sich (Magie ist abgeleitet vom lateinischen Wort imago = das Bild). Der magischen Bewußtseinsstufe entsprechend steht die Aufmerksamkeit dann im Bann des Bildes.
Bildung im Sinne Meister Eckeharts kann als Prozeß der Entstehung, „magischen Auf-ladung“ und „magischen Entladung“ von Bildern beschrieben werden.
1. Die Phase der Ein-Bild-ung:
In der ersten Phase der Bildung wird der mentale Geist des Kindes, der zunächst leer, wach und aufnahmefähig ist, angefüllt und aufgefüllt (input auf Englisch): mit ersten vom Kind selbst gemachten Bildern (z.B. macht sich das Kind ein Bild von der Mutter und ein Bild von sich selbst). In zunehmendem Maße kommen dann die durch die Erwachsenen vermittelten Bilder hinzu: Zu jeder Erscheinung oder Gestaltbildung in der Außenwelt, dem Urbild, gibt es eine Entsprechung in der Innenwelt, ein Abbild, sowie Namen, Wörter und Begriffe, die das Kind in seinem Geist aufnimmt und die als mentale Bilder festgehalten werden. Das Gemüt ist der Welt, d.h. den Erscheinungen in Zeit und Raum, sowohl zugewandt als auch zugeneigt und haftet an inneren Bildern.
Zur praktischen Bewältigung der Anforderungen im Alltagsleben ist diese mentale Auf-nahme und Speicherung von Bildern unverzichtbar.
Im Laufe der Jahre nimmt ein Mensch Zehntausende solcher Bilder in seinem mentalen Geist auf und macht sich daraus „einen Reim auf die Welt“. Das heißt, aus den unzähligen im Gedächtnis gespeicherten Einzelbildern entsteht als „Meta-Bild“ eine persönliche Welt-anschauung des betreffenden Menschen. Diese Weltanschauung wirkt auf seine Wahr-nehmung wie eine Brille oder ein Filter.
Während der leere Geist unvoreingenommen war, ist der mit Bildern angefüllte Geist vor-eingenommen, voller Vorurteile und nur bedingt aufnahmefähig.
Im Bann der mitgeführten mentalen Bilder und „Meta-Bilder“ stehend – hält der Mensch seine geistigen Bilder für wahr und ist für Korrekturen durch die Wirklichkeit kaum mehr erreichbar. Insofern ist diese erste Phase der Ein-Bild-ung tatsächlich eine Zeit, in der der Mensch seiner Einbildung, also der Illusion und Täuschung (in der indischen Tradition ist Maya das Wort dafür) auf den Leim geht.
Die meisten Menschen überschreiten diese Phase des Bildungsprozesses – zeitlebens – nicht, auch wenn sie die verschiedenen sogenannten Bildungsinstitutionen (Schulen und Hochschulen) erfolgreich durchlaufen haben.
2. Die Phase der Ent-Bild-ung:
Nur wenige Menschen treten in diese zweite Phase ein, werden im Hinblick auf den Wahr-heitsgehalt ihrer eigenen Einstellungen, Überzeugungen und Wahrnehmungen skeptisch und fangen an, diese systematisch in der eigenen Erfahrung zu überprüfen. Die höchste mentale Einsicht faßte Sokrates in der Aussage zusammen: „Ich weiß, daß ich nicht weiß.“
Nun setzt ein langwieriger Prozeß der Selbstergründung ein, der Infragestellung und Überprüfung der eigenen Muster im Denken, Fühlen und Verhalten, die allesamt zum Kanon der im mentalen Geist gespeicherten Bilder gehören. Im Verlauf dieses Prozesses verlieren die Bilder immer mehr ihre magische Bann-Kraft. Entbildung bedeutet also nicht, daß die Bilder gelöscht werden wie die gespeicherten Dateien auf der Festplatte. Vielmehr bedeutet Entbildung, daß sie die Kraft verlieren, die Aufmerksamkeit in ihren Bann zu ziehen. Allmählich stellt sich die geistige Fähigkeit wieder ein, ins Leere zu schauen und dort zu verweilen, ohne sich von den innerlich vorüberziehenden Bildern ablenken zu lassen. Das Gemüt erkennt in der Welt mit allen ihren Erscheinungsformen den sich fortwährend wandelnden Ausdruck der Ewigkeit und bleibt ihr dadurch immer zugewandt und zugeneigt und haftet nicht mehr an Bildern.
Der eine Geist verlagert seinen Schwerpunkt vom mentalen Standbein auf das spirituelle Standbein.

3. Herzensbildung
Mit Herzensbildung meint der Volksmund das Ergebnis und den Prozeß, der einen Men-schen mitfühlend, gütig, respektvoll und bescheiden werden läßt. All diese Qualitäten sind Qualitäten des offenen Herzens, das durch die suggestive Kraft der erinnerten Bilder nicht mehr eingeengt oder beschränkt wird.
Während die 1. Phase das von Dürckheim sogenannte »Welt-Ich« zur Entfaltung bringt, verhilft die 2. Phase dem zum Durchbruch, was er das »Wesens-Ich« genannt hat.

 

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