Von unbewußter Suche nach Heilung und heilloser Sprachvermischung
Überarbeiteter Vortrag von mir aus dem Jahr 2004

Vorbemerkung
Mit der deutschen Sprache verbindet mich eine tief verwurzelte Liebe, ein Aspekt der Liebe zur Mutter. Zunehmend habe ich die Muttersprache kennen und schätzen gelernt als eine wahre Fundgrube an seelisch-geistiger Weisheit. Wer anfängt, ihre Worte der ursprünglichen Bedeutung entsprechend zu verwenden, kann den in ihr enthaltenen Schatz mehr und mehr ans Licht des Bewußtseins bringen. In einem Kreislauf von Geben und Nehmen „revanchiert sich die Sprache“ für diesen achtsamen Umgang mit ihr durch wertvolle Hinweise zur Erweiterung und Vertiefung unseres Bewußtseins. Mehr können Sie dazu in meinem ersten Buch finden (Ekkehard Ortmann: Der tiefste Grund ist Grund zur Freude. Körper und Bioenergie: Sprache der Seele, Mittel zur Selbstergründung, Wegweiser für Entwicklung. Norderstedt: BoD-Verlag 2013, ISBN 978-3-8482-5721-8).

1. Bestandsaufnahme: Phänomenologische Beschreibung der Entwicklung seit 1945

Schon von klein auf nahm ich mit großer innerer Anteilnahme die Entwicklung unserer Sprache im öffentlichen Raum wahr:

Ausgelöst – aber sicherlich nicht verursacht – durch Besatzung und Kontakt mit den Siegermächten und ihren Soldaten sickerten nach dem Ende des zweiten Weltkriegs allmählich immer mehr englische Wendungen in die Texte der populären Musik und in die Alltagssprache ein. Später benutzten auch Reklame und Produkt-Werbung der großen Konzerne zunehmend häufiger englische Ausdrücke; die großen Wirtschaftsunternehmen begannen damit, auch für den deutschsprachigen Raum ihre Produkte nicht länger mit deutschen Bezeichnungen zu versehen. Viele englische Begriffe und Fachwörter wurden einfach nicht mehr übersetzt oder man machte sich nicht (mehr) die Mühe, deutsche Entsprechungen zu suchen. Die Tendenz, anglo-amerikanische Ausdrücke als Signal für vermeintliche Modernität, für Weltoffenheit oder für die Abkehr von der nationalsozialistischen Ideologie zu verwenden, breitete sich auf Nachrichten sowie Sportberichterstattung der Medien aus, auch dann, wenn es entsprechende deutsche Wörter durchaus gab. Inzwischen sind alle Bereiche des öffentlichen bzw. veröffentlichten Sprachgebrauchs davon erfaßt. Auffällig ist die Lust, mit der manche Menschen in unserem Land bis ins kleinste Dorf hinein für neue Unternehmungen englische Ausdrücke suchen und benutzen. Mit dieser grassierenden „Anglicitis” oder„Amerikanitis” im allgemeinen Sprachgebrauch (Denglisch) geht eine fortschreitende Schwindsucht des deutschen Sprachschatzes einher. Hunderte von deutschen Bezeichnungen werden verdrängt und geraten langsam in Vergessenheit. Von vornherein wird bei vielen sprachlichen Neuschöpfungen auf deutschsprachige Ausdrücke verzichtet (z.B. Handy). Zur Illustration sei hier der Text eines Liedes der Gruppe „Wise Guys“ (engl. für Besserwisser, Schlaumeier, Klugscheißer), eines A-Capella-Chors aus Köln, wiedergegeben, in dem die fortschreitende Ersetzung deutscher durch englische Begriffe besonders deutlich wird:

Oh, Herr bitte gib mir meine Sprache zurück,
ich sehne mich nach Frieden und ’nem kleinen Stückchen Glück.
Lass uns noch ein Wort verstehen in dieser schweren Zeit,
öffne unsre Herzen, mach‘ die Hirne weit.

Ich bin zum Bahnhof gerannt und war a little bit too late
Auf meiner neuen Swatch war’s schon kurz vor after eight.
Ich suchte die Toilette, doch ich fand nur ein „McClean“,
ich brauchte noch Connection und ein Ticket nach Berlin.
Draußen saßen Kids und hatten Fun mit einem Joint.

Ich suchte eine Auskunft, doch es gab nur ’n Service Point.
Mein Zug war leider abgefahr’n – das Traveln konnt‘ ich knicken.
Da wollt ich Hähnchen essen, doch man gab mir nur McChicken.

Oh, Herr bitte gib mir meine Sprache zurück,
ich sehne mich nach Frieden und ’nem kleinen Stückchen Glück.
Lass uns noch ein Wort verstehen in dieser schweren Zeit,
öffne unsre Herzen, mach‘ die Hirne weit.

Du versuchst mich upzudaten, doch mein Feedback turned dich ab.
Du sagst, dass ich ein Wellness-Weekend dringend nötig hab.
Du sagst, ich käm‘ mit good Vibrations wieder in den Flow.
Du sagst, ich brauche Energy. Und ich denk: „Das sagst du so…“

Statt Nachrichten bekomme ich den Infotainment-Flash.
Ich sehne mich nach Bargeld, doch man gibt mir nicht mal Cash.
Ich fühl‘ mich beim Communicating unsicher wie nie –
da nützt mir auch kein Bodyguard. Ich brauch Security!

Oh, Lord, bitte gib mir meine Language zurück,
ich sehne mich nach Peace und ’nem kleinen Stückchen Glück,
Lass uns noch ein Wort versteh’n in dieser schweren Zeit,
öffne unsre Herzen, mach‘ die Hirne weit.

Ich will, dass beim Coffee-Shop „Kaffeehaus“ oben draufsteht,
oder dass beim Auto-Crash die „Lufttasche“ aufgeht,
und schön wär’s, wenn wir Bodybuilder „Muskel-Mäster“ nennen
und wenn nur noch „Nordisch Geher“ durch die Landschaft rennen…

Oh, Lord, please help, denn meine Language macht mir Stress,
ich sehne mich nach Peace und a bit of Happiness.
Hilf uns, dass wir understand in dieser schweren Zeit,
open unsre hearts und make die Hirne weit.

Oh, Lord, please gib mir meine Language back,
ich krieg hier bald die crisis, man, it has doch keinen Zweck.
Let us noch a word verstehen, it goes me on the Geist,
und gib, dass „Microsoft“ bald wieder „Kleinweich“ heißt.

1.1 Mit dem natürlichen Wandel der Sprache läßt sich dieses Phänomen nicht hinreichend erklären.

Gewiß macht natürliche Wandlung auch vor der Sprache nicht halt. Allerdings ist zu unterscheiden zwischen Wandel als Folge gewaltsamer oder künstlicher Einwirkung und dem organisch-wachsenden friedlichen Wandel. Ersterer trägt stets giftige Früchte, die auch die nachfolgenden Generationen noch belasten, solange die entstandene Verletzung nicht anerkannt, angeschaut und geheilt ist.

Natürlicher Wandel der Sprache oder Wandel als Folge von kollektiver Verdrängung

Am Beispiel der ursprünglichen Sprachen Nordamerikas („Indianer“-Sprachen) oder afrikanischer Stammessprachen wird deutlich, daß das Verschwinden dieser Sprachen keineswegs Ergebnis eines natürlichen Sprachwandels war, sondern Konsequenz vielfältiger Gewalteinwirkung mit traumatischen Folgen für die verletzte Identität, für die Gruppenseele dieser Völker. Die Verdrängung kollektiver traumatischer Erfahrung – aus der Not geboren – trug wesentlich zum Verschwinden dieser Sprachen bei.

„Die Einzelheit und das Konkrete gewinnen ihre Bedeutung erst im größeren Rahmen des Allgemeinen.“ … „Die Muttersprache ist momentan und bedingungslos da wie die eigene Haut. Und genauso verletzbar wie diese, wenn sie von anderen (Einschub E.O.: oder von uns selbst) geringgeschätzt, mißachtet oder verboten wird.“ (Herta Müller, Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 2009)

Die ganze Wahrheit läßt sich erst erkennen, wenn alle an der Sprachgemeinschaft Beteiligten in ihrer Erfahrung anerkannt und berücksichtigt sind. So hat die Stuttgarter Zeitung – gewissermaßen als Experiment – am 17.9.2002 eine Ausgabe ganz ohne „Denglisch“ herausgebracht. Die Resonanz bei der Leserschaft war riesig und fast durchweg positiv. Dennoch blieb es bei dieser einzigen Ausgabe.

Jene Menschen, die ihre Muttersprache lieben und wertschätzen, finden sich im eigenen Land oft hilflos in Situationen wieder, in denen sie förmlich »bombardiert« werden mit einem Gemisch englisch-deutscher Sprachbrocken. „Man gewöhnt sich an alles“, doch führt dieser Gewöhnungseffekt schließlich zu einer Abstumpfung des Sprachempfindens. Wer sich ein Gefühl für Schönheit und Sinn der eigenen Sprache bewahrt hat oder bewahren will, reagiert oft genervt und empfindet schmerzhaft die häßliche Mißachtung gegenüber Mutter Sprache.

1.2 Globale Rahmenbedingungen

Globale Zusammenhänge, in welche die besondere Situation des deutschsprachigen Raums eingebettet ist, seien hier nur am Rande erwähnt. So hatte Europa mit dem Ausgang des zweiten Weltkriegs seine Vormachtstellung in der Welt endgültig an die USA verloren. War es über fast zweitausend Jahre die christliche Kirche, die dem geistigen und kulturellen Leben Impulse gab und die kulturelle Szene beherrschte, so ist es jetzt die Militär- und Wirtschaftsmacht Amerikas, die mit ihren Impulsen die kulturelle Szene dominiert. Was in der einst mächtigen christlichen Kirche das Lateinische war, das ist – nicht nur in der Welt des großen „Business“ – das Englische bzw. Anglo-Amerikanische geworden.

2. Der seelische Hintergrund

An dieser Stelle möchte ich den – weitgehend unbewußten – seelischen Hintergrund für diese Entwicklung beleuchten. Mein Interesse als Psychotherapeut gilt der Seele.

2.1 Seele

Wie in der Physik die Elektrizität nicht definiert, sondern nur an Hand ihrer Wirkungen beobachtet werden kann, so kann ich hier „Seele“ nicht definieren, jedoch erfahre ich ihr Dasein täglich in mir und meinen Klienten an Hand ihrer Wirkungen. Seele wirkt im Tier, in der Pflanze, im einzelnen Menschen. Diese Wirkungen scheinen bestimmten Gesetzmäßigkeiten zu unterliegen. Seele wirkt im Individuum, in Gruppen (Familie, Sippe), in ganzen Völkern (Volksseele) und wohl auch in der Menschheit als ganzer.

2,2 Wahre Identität

Wahre Identität ist die Antwort auf die Frage: Wer bin ich – eigentlich ? Unsere wahre Identität als menschliches Wesen ist grenzenlos. Wahre Identität kann also gar nicht verletzt werden, denn Verletzung setzt Grenze voraus. Sie ist immer heil, das heißt ganz und eins. Deshalb und nur deshalb ist die Würde des Menschen tatsächlich unantastbar. Im Augenblick der Zeugung und Empfängnis inkarniert das Wesen in eine menschliche Form, das heißt, die wesenhaft grenzenlose Unendlichkeit kommt in einen menschlichen Körper und damit in die Begrenzung von Raum und Zeit. Wer je mit offenem Herzen dem Blick eines Neugeborenen begegnet ist, spürt in diesem Blick die anwesende Unendlichkeit, die mit der Inkarnation nicht verlorengegangen, sondern inwendig geworden ist. Das heißt, die Ganzheit, die Einheit, das Heil sind im Kind, in seinem Innersten. (Mit den Worten des uns wohl bekanntesten Wegweisers Jesus Christus: „Das Himmelreich ist inwendig in euch.“)

2.3 Weltliche Identität und psychische Struktur

Das neugeborene Kind ist also zunächst nur körperlich begrenzt, doch seelisch völlig offen und feinfühlig. Zu seiner gedeihlichen Entwicklung bedarf es der Spiegelung dieser seiner wesenhaften Offenheit in dem liebevoll-offenen Blick der Mutter und ihrer feinfühligen Antwort auf seine Bedürfnisse. Wo dieser mütterliche Spiegel matt und trüb ist, Sprünge aufweist oder gar gebrochen ist, ist die Kinderseele mit ihrem nach außen gewandten Blick, der das Wesen sucht, zutiefst enttäuscht und verschließt sich oder wendet sich von der Mutter ab, um nicht dem unerträglichen Schmerz der Enttäuschung ausgesetzt zu sein. Das Kind errichtet in der Offenheit seiner Seele Grenzen (man nennt das dann eine psychische Struktur), die der Abwehr des Schmerzes dienen und zugleich auch den vergeblichen Versuch darstellen, der Mutter etwas von ihrer Bürde abzunehmen.

Vor dem Hintergrund der wahren Identität werden so zahlreiche weitere Identitäten (die gesamte psychische Struktur) ausgebildet, die alle ihre Begrenzung und damit ihre Verletzbarkeit gemeinsam haben. Herzu gehört auch die Identität als Angehöriger der deutschen Sprachgemeinschaft.

2.4 Ausweitung der Liebe

Noch einmal zurück zum Anfang: Die Kinderseele ist am Anfang offen und voller Liebe für die Mutter. Für das ungeborene Kind ist Mutter seine ganze Welt. Es ist eine bedingungslose Liebe des Kindes zur Mutter, die sich nach der Geburt ausweitet auf alles, was als Attribut zu der innigen Verbundenheit zwischen Mutter und Kind gehört, also auf das ganze Umfeld: auf die Sprache der Mutter, auf die von ihr gesungenen oder gesummten Lieder, auf all das, was das kindliche Gemüt tief berührt und natürlich auch auf den Vater, der zu diesem Umfeld ja dazu gehört. So liebt das Kind mit der Mutter auch die Sprache seiner Mutter und seiner Vormütter, seine Muttersprache. Und so liebt das Kind mit dem Vater auch das Umfeld des Vaters, das zu Hause, die Umgebung, das Dorf oder den Stadtteil, die Heimat, schließlich auch das Land des Vaters und der Vorväter, das Vaterland. Wird dieser Prozeß der Ausweitung nicht unterbrochen, so schließt diese expandierende Liebe am Ende die ganze Welt ein. In diesem Sinne war Goethe zum Beispiel gebürtiger Frankfurter, Hesse, Deutscher, weißhäutiger Abendländer und Weltbürger in einem.

2.5 Mißbrauch der Sprache und Heilung durch Bewußtwerdung

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, daß „Muttersprache“ und „Vaterland“ im Gemüt des Menschen tief verwurzelt sind – und zwar weniger die Worte als das, was mit ihnen gemeint ist. Da diese Worte seit wilhelminischer Zeit zum Zwecke zweier Kriege und eines rassistischen Wahns mißbräuchlich verwendet wurden, tragen sie auch heute noch den Beigeschmack dieses Mißbrauchs. Doch hieße es, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wenn wir sie deshalb aussondern oder ganz aufgeben wollten. Wie auch bei vielen anderen Worten, die einen unseligen Bedeutungswandel erfahren mußten, liegt die Lösung nicht in der Vermeidung der Worte oder in einer zwanghaften neuen Sprachregelung (wie z.B. Azubi statt Lehrling), sondern in der Bewußtwerdung. In einem ersten Schritt ist es nötig, den nur dumpf gefühlten Mißbrauch klar ins Auge zu fassen und mit unserem bewußten Geist zu durchdringen, im zweiten Schritt geht es um Besinnung, Erinnerung an die ursprüngliche Bedeutung der Worte, das Wiederfinden ihres eigentlichen Sinnes in der Besinnung. Die Vermeidung der Worte leistet stattdessen der Verdrängung ihres ursprünglichen Bedeutungsgehalts Vorschub.

2.6 Gruppenseele

Aus der systemischen Familientherapie ist bekannt, wie Schuld und Verlust oder Ausklammerung von Angehörigen des Familiensystems im System weiter wirken und die anderen Mitglieder oft über mehrere Generationen hinweg beeinflussen, ohne daß sich die Beteiligten dessen bewußt sind. Daher ist es sinnvoll, das Wirken einer Gruppenseele anzunehmen. Für die Gruppenseele wirken Schuld, Verlust und Ausklammerung wie eine Verletzung. Erst wenn die Ausgeklammerten als dazugehörig anerkannt werden, Schuld nicht mehr verleugnet, sondern mit offenem Herzen angeschaut und dem Schuldigen zugemutet wird und der Tod oder Verlust geliebter Angehöriger von Herzen betrauert worden ist, kann das System in Ordnung kommen, kann die Verletzung der Gruppenseele heilen.

2.6.1 Volksseele

Weiterhin ist anzunehmen, daß Seele auch in Gemeinschaften wirkt, wie ganze Völker sie bilden. Die neuere Praxis der System-Aufstellungen bestätigt diese Vermutung. Als eine weitere Bestätigung für diese Annahme kann die tiefe Berührung Tausender Menschen in Deutschland angesichts der Maueröffnung 1989 verstanden werden. Wir können sie als Ausdruck für das Wirken einer Seele ansehen, die ein ganzes Volk umfaßt, in die ein ganzes Volk eingebettet ist. Volksseele – auch dieser Begriff ist schändlich mißbraucht worden – ist ein Aspekt der verletzbaren weltlichen Identität, deren seelische Struktur von Generation zu Generation auf bewußter wie unbewußter Ebene weitergegeben und weiterentwickelt wird. Für die deutsche Volksseele war es stets die gemeinsame Sprache gewesen, die eine identitätsstiftende Klammer war, während dem Nationalstaat lange Zeit gar keine, später dann eine nur vergleichsweise geringe Bedeutung zukam.

3. Unser Verhältnis zur Muttersprache – Thesen zum tiefenpsychologischen Verständnis

3.1 Bestimmender Einfluß des Unbewußten

Wie mir die tägliche Erfahrung in der psychotherapeutischen Praxis zeigt, ist der individuelle Sprachgebrauch viel stärker vom Unbewußten bestimmt, als wir uns das einzugestehen bereit sind. Es darf daher vermutet werden, daß auch kollektive Tendenzen im Sprachgebrauch unter dem bestimmenden Einfluß des Unbewußten stehen.

3.2 Muttersprache als Ausdruck der Volksseele

Sprache ist ein Ausdruck unseres gemeinsamen kulturellen Erbes, der wechselvollen Geschichte unseres Volkes, Die Muttersprache entstammt der gemeinsamen Gruppenseele, der Volksseele, mit ihren Sehnsüchten, ihren Verletzungen, ihrem Vermächtnis, und sie vermag mehr als jede Fremdsprache diese Seelenebene zu berühren. Solange sich in der Tiefe der Volksseele immer noch ein Berg unverarbeiteter traumatischer Erfahrung auftürmt, wird es auch eine starke unbewußte Abwehr geben und die Tendenz, diese tiefe Seelenebene zu überdecken, zu verleugnen oder zu verdrängen. Abkehr von der Muttersprache und Flucht in eine Fremdsprache oder die Vermischung von Fremd- und Muttersprache erfüllen diese Funktion.

3.3 Wunden in der Volksseele – Heilung als Aufgabe

In der Geschichte unseres Volkes hat die Volksseele in den zahlreichen Kriegen immer wieder tief greifende Verletzungen erleiden müssen. Seit dem dreißigjährigen Krieg waren die deutschen Lande nahezu ständig Kriegsschauplatz. Der erste Weltkrieg mit den vielen Gefallenen und einem demütigenden Ende hinterließ tiefe Verletzungen, war jedoch keineswegs der Anfang, sondern nur ein Glied in einer langen Kette. Mit dem unseligen Nationalsozialismus, dem Massenmord an Juden, Zigeunern (Sinti und Roma), Behinderten und Regimekritikern sowie dem zweiten Weltkrieg wurde diese Kette lediglich fortgesetzt. Solche Wunden können in der Seele eines Volkes nur heilen, wenn sie von den Menschen, die diesem Volk angehören, also von uns, auch angeschaut und wenn die damit einhergehenden Gefühle – Schmerz, Trauer, Schuld und Scham, Ohnmacht und Empörung usw. – durchlebt werden.

3.4 Urteilen oder Anschauen

Seelische Abwehrmechanismen jeglicher Art haben immer das Beurteilen der Situation zur Grundlage. Doch auf einer tiefen Seelenebene schließen sich Schauen und Urteilen gegenseitig aus: entweder schaue ich (mit offenem Herzen und ohne Urteil) oder ich urteile (und verschließe mein Herz vor dem, was dem Urteil nicht gerecht wird).

3.5 Verurteilung: Schuld und ihre Projektion auf Sündenböcke

Das stets vom eigenen Standpunkt abhängige und daher einseitige Urteil, das in den Köpfen der meisten Menschen nach dem ersten Weltkrieg entstanden war, verhinderte das offene Hinschauen. Man suchte Schuldige für die Niederlage des eigenen Landes und fand sie auch: in den Sozialdemokraten oder Kommunisten, in den kleinen oder großen Kapitalisten, in den Juden. Die zum Sündenbock Gemachten mußten für Mißstände und Übel aller Art herhalten. Auch nationaler Minderwertigkeitskomplex und seine Kehrseite, die wahnhaft übersteigerte nationale Überheblichkeit, entstammen beide derselben Quelle, dem vom Urteil getrübten Blick, der das offene Hinschauen unmöglich macht.

3.6 Die nach außen gekehrte Suche nach Heilung und ihre Folgen

Mit der Verwundung, die in der Gruppenseele zu spüren war, wuchs auch die Sehnsucht nach Heilung. Die Mehrheit des Volkes suchte – ihrer seelischen Struktur entsprechend – das Heil und die Heilung in der Wendung nach außen, im Versuch gewaltsamer Weltveränderung im Sinne nationalsozialistischer oder kommunistischer Ideologie. So konnte Hitler schließlich die religiös anmutende Heilserwartung einer Mehrheit der Deutschen aufgreifen und sich als Projektionsfläche, als Führerfigur, anbieten. Diese Heilssehnsucht fand in dem von den Nazis propagierten und auch massenhaft und mehrheitlich befolgten Hitler-Gruß ihren sinnfälligen Ausdruck („Heil Hitler“). Die Folge dieser Sehnsucht, die das Heil außen suchte, war auf allen Ebenen katastrophal, auf der physischen Ebene mit ca. 55 Millionen Toten und den vielen vor allem in Deutschland und Rußland zerstörten Städten, auf der geistigen Ebene, den zerbrochenen und untergegangenen alten Werten und geistigen Orientierungen, dem Aderlaß an Forschern, Geistesgrößen und Kulturträgern, die Deutschland verlassen mußten und auf der seelischen Ebene, dem unerträglichen Ausmaß von Leid, Schmerz und Schuld.

3.7 Traumatische Erfahrung

Die Erfahrung andauernder Bombardierung über einen Zeitraum von fast 5 Jahren hinweg und die völlige Zerstörung der in Jahrhunderten gewachsenen deutschen Städte durch die anglo-amerikanischen Luftangriffe hat in den Seelen der Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Aus heutiger Sicht kann man von Traumatisierung sprechen, die zur Betäubung der seelischen Empfindungsfähigkeit führte. Das Buch des international renommierten Berliner Militärhistorikers Jörg Friedrich („Der Brand“, Propyläen Verlag 2002) über Deutschland im Bombenkrieg vermittelt hiervon einen erschütternden Eindruck. Hier – gewissermaßen am weiblichen Pol – geht es um die Erfahrungen der Deutschen, unserer Väter und Mütter, als Opfer, denn auch diese Erfahrungen wurden verdrängt und bedürfen der Erlösung.

3.8 Doppelgesichtiges Kriegsende

Das Ende des zweiten Weltkrieges hatte für die große Mehrheit unseres Volkes einen Doppelcharakter, es war Niederlage des eigenen Landes und Verlust der angestammten Heimat (nicht nur für die Vertriebenen, sondern auch für fast alle anderen, die ihre zerbombten Heimatstädte nicht wiedererkennen konnten), – und es war Befreiung von wahnhafter nationalsozialistischer Besessenheit und Tyrannei sowie Aufbruch in eine neue, nie zuvor gekannte Freiheit.

3.9 Verurteilung, auch Selbstverurteilung verhindert Verarbeitung

Vermutlich hat das von Churchill sogenannte „moral bombing“ darüberhinaus auch eine noch heute andauernde Wirkung auf die Psyche der Deutschen gehabt. In einer seelischen Tiefenschicht werden die Bomben, die vom Himmel fallen, wie eine vom Über-Ich legitimierte „göttliche“ Bestrafung erfahren. Die tiefere seelische Verarbeitung jenseits moralischer Verurteilung wurde dadurch lange verzögert und begann erst ca, 60 Jahre nach Kriegsende.

Verdrängung und neues Objekt für die nach außen gekehrte Heilserwartung

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs schwankten große Teile des deutschen Volkes zwischen Selbstbezichtigung einerseits und Selbstmitleid, Verleugnung oder Verdrängung von Schmerz und Schuld andererseits. Alexander Mitscherlich konstatierte in dieser seiner Generation „die Unfähigkeit zu trauern“.

3.10 Amerika als neuer Heilsbringer

In der Außenwelt bot sich nun Amerika an als Quelle der Heilung, von hier kamen die ersten „Freßpakete“, und es kamen verlockende Angebote auf der Ebene geistiger Orientierung und seelischen Erlebens: So konnte bei vielen Menschen die Illusion entstehen, durch die Integration in die westliche Wirtschafts- und Militärallianz eine neue Identität erwerben und einfach das Alte mit all dem Schmerz und der Schuld hinter sich lassen zu können, ohne es verarbeitet zu haben. Die große Mehrheit unseres Volkes richtete ihre Heilssehnsucht nach wie vor nach außen, doch nun auf Amerika. Es waren nicht nur Politiker, auch nicht nur die Werbepsychologen, die das hervorriefen, es war eine Tendenz, die aus der alten seelischen Struktur stammt: das Heil außen zu suchen oder sich von außen zu erhoffen. Die genannten gesellschaftlichen Gruppen griffen diese Tendenz jedoch auf und verstärkten sie.

Die Amerikanisierung der Alltagssprache ist eine weltweite Tendenz und ist in vielen Ländern zu beobachten. Doch kann die Dominanz des Englischen im öffentlichen Raum des deutschen Sprachgebiets damit nicht wirklich verstanden, sondern nur beschwichtigend erklärt werden. Zudem ist die Amerikanisierung im deutschen Sprachraum weiter fortgeschritten als in vergleichbaren europäischen Ländern, in denen Englisch nicht die Landessprache ist.

3.11 Lust an der Freiheit und Re-Inszenierung alter Traumata

Der im Kontext des Kriegsendes erwähnte Doppelcharakter findet sich auch in der sprachlichen Vermischung von Deutsch und Englisch wieder. Zum einen drückt sich darin die Lust aus an der historisch neuen Freiheit, die schon seit dem Mittelalter auf Amerika projiziert wurde. Zum anderen ist sie als Re-Inszenierung kollektiver Traumatisierung zu verstehen (siehe 3.13). Auf unbewußter Ebene bestimmt die alte psychische Struktur, die das Heil im Außen sucht, nach wie vor das Verhalten der großen Mehrheit, lediglich die Projektionsfläche ist ausgetauscht.

3.12 Die Generationen übergreifende Weitergabe unbewältigter Traumatisierung

Nicht bewältigte seelische Traumatisierung wird in nur leicht abgeschwächter Form von einer Generation an die nächste weitergegeben. So sind mehrere Generationen daran beteiligt, die traumatisierende Erfahrung des Krieges, insbesondere des Bombenkrieges, seelisch zu verarbeiten.

3.13 Unbewußte Re-Inszenierung

Zudem gibt es im Unbewußten eine Tendenz, unbewältigte Traumata zu re-inszenieren. Gerade viele der älteren Menschen, die den Krieg noch miterlebt haben, fühlen sich auf der Ebene des öffentlichen Sprachgebrauchs regelrecht »bombardiert« von englisch-amerikanischen Sprachbrocken, sie erleben Gefühle von hilflosem Ausgeliefertsein, von ohnmächtiger Wut, von Verlust der sprachlichen Heimat. Hier wird die Analogie zu der eigentlichen Schreckenserfahrung sichtbar, die sowohl in stark abgeschwächter Form die Traumatisierung in Erinnerung ruft wie sie auch vor dem bewußten Hinschauen schützt durch die Verschiebung auf ein anderes Objekt. Angesichts der verheerenden Bombenangriffe während des Krieges und des Eindringens fremder Truppen zu seinem Ende hin konnten Männer wie Frauen nicht mehr schützen, was ihnen als schutzbedürftig und schutzwürdig am Herzen lag, die Kinder, das eigene zu Hause, die Heimatstadt, das Land. Die Männer konnten nicht einmal mehr ihre Frauen schützen vor der Vergewaltigung durch Soldaten der Siegermächte. Versuchen Sie einmal, sich in diese Situation hineinzuversetzen und die tiefen Ohnmachtsgefühle zu spüren. So etwas gräbt sich tief ein und hinterläßt in Körper und Seele die Spuren des Traumas. Wieder ist die Analogie kaum zu übersehen: denn auch die eigene Sprache ist schutzbedürftig und schutzwürdig und liegt vielen Menschen am Herzen, wie schon ihre Eltern erleben sie die Gefühle der Ohnmacht und Hilflosigkeit im öffentlichen Raum: Unbewußte Re-Inszenierung der ursprünglichen, noch keineswegs bewältigten traumatischen Erfahrungen auf kollektiver Ebene, auf der Ebene der „Volksseele“.

3.14 Täter- und Opfer- Erfahrung in der Re-Inszenierung

Wie wir mit unserer Muttersprache umgehen, spiegelt etwas von der Täterseite wider (männlicher Pol), wie wir den Umgang mit unserer Muttersprache erleben, spiegelt etwas von der Opferseite wider (weiblicher Pol). Wenn wir achtlos oder geringschätzig mit der eigenen Sprache umgehen, so lassen wir damit auch etwas vom verdrängten Täteranteil wiederaufleben, etwas von der Achtlosigkeit und Geringschätzung der Vorfahren, die sie selbst vielleicht nie wahrhaben wollten. Wenn uns der Umgang mit der eigenen Sprache gleichgültig ist oder wir schon lange resigniert haben, lebt etwas von der Gleichgültigkeit oder der Resignation der Eltern und Großeltern in uns auf, etwas von dem, was sie nicht verarbeitet haben und was uns als Vermächtnis übergeben ist.

3.15 Verstrickung der nachwachsenden Generationen

In der Regel weiß die nachwachsende Generation – auf bewußter Ebene – nichts mehr davon und empfindet den Sprachmischmasch aus Deutsch und Englisch vielleicht als natürlich, nimmt aber dennoch – wieder auf unbewußter Ebene – eine Atmoshäre in der Seele auf, die angefüllt ist mit Unverarbeitetem, mit Verdrängung von Schmerz, Trauer, Schuld oder Scham, Ohnmacht und Wut.

3.16 Die verlorene Mitte

Wie es eine verhängnisvolle Illusion war, sich das Heil oder die Heilung der Volksseele von Hitler und seiner Führerschaft zu erhoffen, so ist es ebenfalls eine Illusion, wenn wir heute glauben, unserer Geschichte mit ihrem Vermächtnis entkommen zu können, in dem wir uns vom eigenen Land, dem Vaterland, distanzieren, es abwerten oder ihm gleichgültig gegenüber stehen. So wie es Deutsche gibt, die ihre nationale Identität am liebsten ablegen würden und das Heil suchen, indem sie sich ein Klein-Amerika erschaffen, amerikanische Lebensart annehmen und der Amerikanisierung der deutschen Sprache (sogenanntes Neu-Deutsch) Tür und Tor öffnen, so ist auch der Gegenpol aus der Versenkung inzwischen wiederauferstanden in Gestalt der Neonazis, die vor den Greueln der Vergangenheit die Augen verschließen und ihren Haß gegen alles »Nicht-Deutsche« richten. Beide Haltungen bedingen sich als Gegenpole und haben eines gemeinsam: sie sind jeweils Ausdruck der verlorenen Mitte. Integration der Gegenpole zu einem Ganzen kann nur von der Mitte her gelingen.

3.17 Innere Wandlung

Geist drückt sich in Sprache aus, und so spiegelt sich jede Geisteshaltung in der ihr gemäßen Sprache bzw. in einem von dieser Haltung bestimmten Sprachgebrauch. Der Untertanengeist wilhelminischer Prägung wurde in der nationalsozialistischen Geisteshaltung auf die Spitze getrieben und dadurch die bedingungslose Obrigkeitshörigkeit gegenüber »dem Führer« schließlich ad absurdum geführt. Im Sinne der Evolution des Bewußtseins geht es für uns nun darum, diese Geisteshaltung von innen heraus zu verwandeln, statt sie durch den Gebrauch einer Fremdsprache lediglich zu übertünchen und den ungewandelten Kern der alten Geisteshaltung, die Autorität und Führung im Außen sucht, in moderner Verkleidung beizubehalten. Dabei geht es um Ausgewogenheit: nicht Hörigkeit einer äußeren Autorität gegenüber, sondern Selbstachtung, also Gehorsam und Treue dem Innersten gegenüber, das uns am Herzen liegt – weder unwürdige Anbiederung oder Unterwürfigkeit noch Verachtung oder Hochmut in der Beziehung zum Fremden, sondern Achtung auf gleicher Augenhöhe!

3.18 Bewußtwerdung als Voraussetzung für Selbstbewußtsein

Selbstbewußtsein hat vor allem mit Bewußtsein – also mit Bewußtheit – zu tun, Mangel an sprachlichem und kulturellem Selbstbewußtsein hat Unbewußtheit zur Voraussetzung. Im Unterschied zu anderen Nationen haben wir, die wir Deutsch als Muttersprache sprechen, in sprachlicher Hinsicht schon jahrhundertelang wenig Selbstbewußtsein bewiesen und eine Haltung tradiert, die erst das Lateinische, dann das Französische, in der Musik zeitweise auch das Italienische als überlegen angesehen hat und heute dem Englischen den Vorrang gibt. In dieser Haltung wurde die deutsche Sprache stets mit Geringschätzung behandelt und als unterlegen oder minderwertig angesehen, während gleichzeitig die Sprache des jeweils dominierenden Machtzentrums (Imperium Romanum, Grand Nation, USA als Weltmacht) auf’s Podest gehoben wurde.

3.19 Achtung und Achtsamkeit nach innen und nach außen

Der öffentliche Sprachgebrauch in Medien, Wirtschaftswelt, Sport, ja selbst in kommunalen und staatlichen Einrichtungen drückt häufig gegenüber der eigenen Kultur und Sprache Achtlosigkeit oder sogar Geringschätzung aus. Achtung vor dem Nächsten und Selbstachtung bedingen sich gegenseitig. Das gilt in allen zwischenmenschlichen Beziehungen, für einzelne Menschen ebenso wie für Völker und Staaten. Die Achtung vor anderen Sprachen, Kulturen, Ländern und ihren Menschen steht und fällt mit der Achtung vor der eigenen Sprache, Kultur, vor dem eigenen Land und seinen Menschen.

4. Die Heilung aller unserer verletzten Identitäten kommt aus der wahren Identität.

Heilung kann nur von innen kommen. Indem wir uns nach innen wenden und alles zulassen und anschauen, was aus der Erinnerung aufsteigt. Indem wir mit offenem Herzen all die Toten und Gefallenen zweier Weltkriege anschauen. Indem wir ohne Verurteilung die Täter, die aus unserem Volk hervorgegangenen sind und ebenso ihre Opfer anschauen, seien es nun Nazis, Kommunisten, deutsche Juden oder jüdische Deutsche. Indem wir auch die zu unserem Volk gehörigen Bomben-Opfer, die Gefallenen, die aus ihrer Heimat Vertriebenen und ihr Leid anschauen. Und indem wir die Toten und Gefallenen all der anderen Völker anschauen. Wenn wir das alles angeschaut und ins Herz eingelassen haben, finden wir uns am Ende tief bewegt und erschüttert. Danach wird es in uns still, – ganz still.

Jetzt erst haben wir Frieden und Heil im Innersten gefunden. Wenn wir dann in die „normale Welt“ zurückkehren, sind wir nicht mehr dieselben wie vorher, wir fühlen uns anders, wir sind gewandelt.