Sein, Bewußtsein und Bewußtheit

Zur Klärung der Begriffe

Auge, Foto 22319 Linda Dahrmann, pixelio.de

Bewußtsein ist bewußtes Sein: Ich bin*, und ich bin mir dessen bewußt, daß ich bin – nicht aufgrund einer logischen Schlußfolgerung (cogito, ergo sum), sondern weil ich es auf den verschiedenen Ebenen unmittelbar spüre.

* Konjugation von sein als Verb: ich bin (1. Person Singular, Präsenz, Indikativ)

Das Sein ist dabei als Sammelbegriff zu verstehen für alles, was ist, was wirklich ist (1. Wirklichkeit) – im Unterschied zu Illusion und Täuschung, die etwas vorgaukeln, was nicht wirklich ist (2. Wirklichkeit).

Vgl. dazu auch die von Willigis Jäger vorgenommene Unterscheidung zwischen erster und zweiter Wirklichkeit (ausführlich dargestellt in dem Buch von E. Ortmann: Der tiefste Grund ist Grund zur Freude. BoD-Verlag, S.61 ff)

Alles, was wirklich ist und existiert* , also ins Dasein getreten ist, als Formgewordenes „herausteht“ aus dem Meer des Formlosen, gehört zu dem, was ist, gehört zum Sein.

* Existieren (Lateinisch ex-sistere = heraus- oder hervortreten, herausstehen)

Und auch alles, was im Meer des Formlosen enthalten ist, aber nicht „heraussteht“ – nicht meßbar ist und daher für die sinnliche Wahrnehmung nicht existiert – gehört zu dem, was ist, gehört zum Sein. Was noch nicht ins Dasein getreten ist, befindet sich im unmanifestierten Zustand der unbegrenzten Möglichkeiten. Dem auf das Meßbare fixierten, mentalen* Geist erscheint es als vollkommene Leere und Stille. In dieser Leere und Stille ist jedoch jene Wirkkraft gegenwärtig, die aller Wirklichkeit zugrunde liegt. Sie kann etwas aus der Latenz der bloßen Möglichkeit manifest werden lassen, in die Existenz oder ins Dasein rufen. In den alten Kulturen wurde diese Wirkkraft oft »Großer Geist« genannt.

* mental (Lateinisch: mens = gerichtetes ermessendes Denken)

Bewußtheit ist – im Unterschied zu Bewußtsein – eine von ihrem Träger losgelöste Eigenschaft, die jemand oder etwas hat oder vielleicht auch nicht hat.

Da Bewußtheit eine der fundamentalen Eigenschaften des »Großen Geistes« ist, ist auch das Sein damit ausgestattet: in jeder Pflanze, jedem Tier, ja in jedem Stein ist der »Große Geist« mit seiner Wirkkraft gegenwärtig, der in den verschiedenen Erscheinungsformen lediglich verschiedene Aspekte von sich offenbart und auf je einzigartige Weise zum Ausdruck bringt.

Dem Menschen als Mikrokosmos kommt eine Sonderstellung zu, da sich nur in seinem Bewußtsein der Makrokosmos vollständig widerspiegeln kann. Allerdings kann diese Spiegelung nur stattfinden, wenn sein Bewußtsein über die mentale Ebene hinausgewachsen ist und sich für das Unermeßliche geöffnet hat.

Alle Ebenen des Seins sind im Menschen anwesend:

Die Ebenen des formgewordenen Seins können im mentalen* Geist bewußt wahrgenommen und erfahren werden (als Leib auf der physischen Ebene, als Gefühl auf der affektiv emotionalen Ebene, als Gedanke auf der Vorstellungs-Ebene).

Der stille Geist liebevoller Präsenz befindet sich auf einer Ebene, die „höher ist als alle Vernunft“. Dieser stillen liebevollen Präsenz können wir nur in dem Maße gewahr werden, wie der denkende Geist zur Ruhe kommt. Dann erst kann sich der Spürsinn so weit vertiefen, daß sich das Bewußtsein des Menschen – ganz von selbst – für das formlose Sein öffnet: das ist das „Himmelreich in uns“ (vgl. Lukas 17, 21) – grenzenlose Weite, tiefer Frieden, liebevolle Präsenz.

Ursprünglich ist Sein in Menschengestalt ein bewußtes Sein, also auch Bewußtsein aller Ebenen des Seins. Erst durch die Identifizierung* des mentalen Geistes mit dem »Ich-Gedanken«** und die damit einsetzende mentale Hyperaktivität werden große Teile der Wirklichkeit vollständig ausgeblendet:

* Identifizierung (Lateinisch: idem facere = dasselbe tun, zu demselben machen)

Das ursprünglich alles umfassende kosmische Bewußtsein schrumpft zum menschlichen Bewußtsein zusammen, einer kleinen Insel im Meer des Unbewußten.

** Nachtrag zum »Ich-Gedanken«
Der »Ich-Gedanke« gehört zum Formgewordenen auf der Ebene von Gedanken und Vorstellungen und stellt somit eine schöpferische Leistung des mentalen Geistes dar.
Das Grundmuster dieses Gedankens läßt sich mit Hilfe von x als Platzhalter – wie aus der Mathematik bekannt – wie folgt formulieren: »Ich bin x«.
Alle anderen »Ich-Gedanken« wie z.B. »Ich habe«, »Ich will«, »Ich weiß«, »Ich kann« oder deren Negation sind nur Variationen des Grundgedankens »Ich bin x«.
Bleibt die vom Platzhalter x freigehaltene Leerstelle unbesetzt, so folgt daraus, daß die Frage, wer oder was ich bin, auf mentaler Ebene unbeantwortet und ein Geheimnis bleibt.
Sobald jedoch für den Platzhalter x irgendetwas Formgewordenes eingesetzt wird (der kindliche Geist setzt für x den eigenen Leib ein), verengt sich das Bewußtsein auf die Begrenzung des eingesetzten Objekts. Damit ist das „normale“ menschliche Bewußtsein entstanden, dessen Markenzeichen der Irrtum ist (Errare humanum est).

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