Wahrnehmung – Einbildung – Wahn
– was ist wirklich?

Gefährlich ist’s, den Leu zu wecken, verderblich ist des Tigers Zahn,
Jedoch der schrecklichste der Schrecken, das ist der Mensch in seinem Wahn.
Weh denen, die dem Ewigblinden des Lichtes Himmelsfackel leihn!
Sie strahlt ihm nicht, sie kann nur zünden und äschert Städt‘ und Länder ein.

Friedrich Schiller (1759 – 1805) im Lied von der Glocke

Friedrich Schiller spricht hier nicht vom Wahnsinn einiger Psychiatrie-Patienten, sondern vom alltäglichen Wahnsinn der ganzen Menschheit, von dem unsere Spezies schon seit Jahr-tausenden befallen ist.

Was ist wirklich? Wie können wir Wirklichkeit erkennen und von Einbildung und Wahn unter-scheiden?

Welche Zugänge haben wir als Menschen überhaupt zur Wirklichkeit ?

Der ich-zentrierte Zugang über die Wahrnehmung

Zunächst einmal ist es die Wahrnehmung vermöge unserer Sinnesorgane. Das ist der ich-zentrierte Zugang zur Wirklichkeit: Ich nehme etwas wahr. Doch ist es stets nur ein winzig kleiner Ausschnitt der Wirklichkeit, der von mir wahrgenommen werden kann. Niemals ist es die ganze Wirklichkeit.

Wahrnehmung ist der Wirklichkeit jedoch stets näher als alle (mentalen) Bilder oder Vorstellungen, deshalb können kleine Kinder den für sie sichtbaren Teil der Wirklichkeit oft klarer erkennen als Erwachsene (vgl. Hans Christian Andersens Märchen von des Kaisers neuen Kleidern)

Aufgrund dieses wahrgenommenen Ausschnitts mache ich mir ein Bild von der Wirklichkeit. Wenn ich dann glaube, daß mein Bild die ganze Wirklichkeit wahrheitsgemäß widerspiegelt, bin ich schon der Einbildung auf den Leim gegangen. Mein Bild von der Wirklichkeit unterscheidet sich stets von dem Bild, das sich jemand anderes gemacht hat. Jeder hat nur einen kleinen Mosaikstein der ganzen Wirklichkeit erfaßt. Dazu hat Buddha schon vor zweieinhalbtausend Jahren die wunderbare Geschichte von den Blinden und dem Elefanten erzählt.1)

Die Blinden und der Elefant (Pixabay Bild ancient-2026111)

1) Ekkehard Ortmann: Was in der Seele nachklingt …Aphorismen, Mythen und Legenden, Lehrgeschichten und Vorträge. Norderstedt: BoD-Verlag 2012, S. 42 – 44 (Die Blinden und der Elefant)

Wenn nun zur Einbildung noch die Angst als bestimmende Kraft hinzukommt, ist aus der Einbildung eine Wahn-Vorstellung geworden.

Der selbst-zentrierte, von jeglicher Ich-Kontrolle befreite Zugang zur Wirklichkeit

Dieser Zugang läßt sich nicht willkürlich herstellen. Vielmehr ist es hier umgekehrt: die Wahrheit der ganzen Wirklichkeit kann einen Menschen ergreifen und in Besitz nehmen und ihn als Sprachrohr nutzen, um sich mitzuteilen. Voraussetzung dafür ist bei diesem Menschen eine Öffnung des mentalen Geistes für das Unbegreifliche und eine Offenheit im Herzen.

Der Teufelskreis der Angst

Wer der eigenen Einbildung und auch jeglichem Wahnsinn auf die Schliche kommen will, benötigt einen tieferen Einblick in den Teufelskreis der Angst mit seinem sich selbst bestätigenden (kybernetischen) Regelkreis. Die treibende Kraft der Angst ruft in uns unbewußte Reaktionsmuster wach, die im Laufe der Evolution ausgebildet wurden und auch in uns Menschen wirksam sind. Ist durch irgendwelche Eindrücke die Todesangst geweckt worden, so übernimmt das Instinktzentrum (Stammhirn oder Reptilienhirn) die Führung und stellt das Kopfzentrum (mit den Denkprozessen in Neocortex und Großhirnrinde) ganz in seinen Dienst. Dieses nun von der Angst beherrschte Denken heizt wiederum das Gefühl der Angst weiter an, indem es eine innere Landkarte der vermeintlichen Gefahrenquellen erstellt und nun seinerseits die Wahrnehmung in den Dienst nimmt und auf die vermeintlichen Gefahrenquellen fokussiert. Dann sieht einer plötzlich in der Außenwelt lauter Signale, die seine Befürchtungen zu bestätigen scheinen. Flucht, Angriff oder Erstarrung sind diese unbewußten Reaktionsmuster auf Angst: wir vermeiden dann durch entsprechendes Verhalten das, was uns Angst macht, kämpfen dagegen an oder betäuben uns selbst in der Erstarrung. Alle drei Reaktionen haben als Nebeneffekt, daß die Angst als solche gar nicht in ihrem vollen Ausmaß bewußt gefühlt wird, sondern ganz oder zumindest teilweise unbewußt bleibt.

So entsteht eine nach außen hin weitgehend abgeschottete geistig-emotionale Abwärtsspirale.

Mentales Bewußtsein als Stufe der Bewußtseinsentwicklung

Der Regelkreis der Angst ist eng verknüpft mit dem vom mentalen Geist dominierten Bewußtsein, der Bewußtseinsstufe, die zur weltweit vorherrschenden geworden ist. Auf dieser Bewußtseinsstufe gilt nur das als wirklich, was meßbar ist; was nicht meßbar ist, wird nicht ernst genommen und oft sogar als Einbildung oder Illusion verunglimpft. Wissenschaft, genauer Naturwissenschaft, also die Erforschung der Außenwelt, ist zur neuen Glaubenslehre und zur Ersatz-Religion geworden.

Die Rolle des Denkens

Auch das Denken ermöglicht einen Zugang zur Wirklichkeit, und zwar zu all jenen Aspekten, die der unmittelbaren Anschauung oder der sinnlichen Wahrnehmung nicht zugänglich sind. Denken ist ursprünglich auf Erkenntnisgewinn und Einsicht ausgerichtet, auch wenn die gewonnene Erkenntnis oder Einsicht stets begrenzt und vorläufig bleibt. Sobald der Denkende glaubt, seine Einsicht sei endgültig oder allumfassend, hat sich seine Einsicht in Einbildung verwandelt.

Allerdings hat auf der Stufe des mentalen Bewußtseins die Denk-Aktivität nicht nur überhand-genommen, sondern der größte Teil davon dient nicht mehr dem Erkenntnisgewinn und der Erlangung von Einsicht. Das wird nur allzu deutlich, wenn sich das Denken zwanghaft im Kreise dreht (Gedankenkarussel). Denken hat sich dabei in eine unbewußte Vermeidungsstrategie verwandelt, um von ebenfalls unbewußten weil verdrängten Gefühlen abzulenken. Denken ist schon immer wichtigste und wirksamste Methode der Angstvermeidung gewesen.

Nicht nur psychisch kranke Patienten leben in dieser Wahnwelt, sondern die Großzahl der Menschen in unserer Zivilisation. Und weil es die meisten sind, kommt es uns so normal vor. Der alltägliche Wahnsinn, der fast niemandem mehr auffällt. Politiker, Wirtschaftsbosse, Beamte, Lehrer, Ärzte (vor allem der Schulmedizin) und nicht zuletzt Wissenschaftler – Menschen aller Berufssparten und Klassen sind im Regelkreis der Angst befangen. In diesem Zustand gibt der denkende Geist vor, Leben (das eigene oder das der anderen) schützen zu wollen oder sogar zu müssen. Doch tatsächlich ist das eine unbewußt vorgeschobene Schutzbehauptung, eine Rationalisierung. Bei genauerem Hinschauen zeigt sich als tieferer Beweggrund nicht Liebe, sondern Angst mit den schon oben erwähnten drei in der Evolution ausgebildeten Reaktionsmustern Flucht, Angriff oder Erstarrung.

Was die ansteckende Wirkung (Virulenz) und auch die Schnelligkeit globaler Ausbreitung, angeht, ist Angst im Zeitalter des Internet jedem Virus haushoch überlegen.

Der Preis der Angstvermeidung

In ihrem Versuch, dem bewußten Erleben der Angst auszuweichen, nehmen Menschen in Kauf, daß Lebendigkeit und Dynamik des sozialen Lebens stark eingeschränkt werden, daß die Wirtschaft (wenn auch nur für eine gewisse Zeitspanne) weitgehend lahm gelegt wird, daß die Existenzgrundlage vieler kleiner Betriebe und Unternehmen gefährdet oder gar vernichtet wird und nicht zuletzt, daß den Kindern der freie Kontakt untereinander erschwert oder gar unmöglich gemacht wird. Sogar die Schädigung ihrer Entwicklung wird also stillschweigend in Kauf genommen.

Der Tod als Feind des egozentrischen Bewußtseins

Um dem Gefangensein im Wahnsinn dieses geschlossenen Angstsystems zu entkommen, ist es notwendig, einen Einblick zu gewinnen in die Art und Weise, wie wir mit inneren oder äußeren Gegenkräften umgehen. Die eigentliche Gegenkraft – die uns zunächst außen in der Gestalt einer drohenden Gefahr begegnet – ist der eigene Tod, mächtigster Gegner und Feind für das in der Begrenzung gefangene menschliche Ich-Bewußtsein. Da er vom Ich nicht besiegt werden kann, konfrontiert der Tod das Ich-Bewußtsein mit seiner Ohnmacht.

Hervorgegangen aus der Heilkunst des Abendlandes versteht sich die Schulmedizin seit dem Zeitalter der Aufklärung vor allem als streng naturwissenschaftlich und vermeintlich frei von subjektiver Beschränktheit oder angst-motiviertem Realitätsverlust ihrer Apologeten. Seitdem lehrt sie uns, einen großen Teil unserer Lebenskraft in die Bekämpfung des Feindes oder Gegners zu stecken, in die Vernichtung der vermeintlich todbringenden Krankheitserreger, bevor uns der Tod zu nahe kommen könnte. Diesem Denken ist die Einsicht verloren gegangen, daß alle Lebensformen in einem großen Netzwerk oder Gewebe miteinander verbunden sind und wir uns nur ins eigene Fleisch schneiden, wenn wir vermeintlich „lebensunwertes“ Leben bekriegen und auszurotten bestrebt sind.

Selbsterkenntnis und Weisheit

Nach wie vor unternimmt die übergroße Mehrheit der Menschen keinerlei bewußte Anstrengung, Licht in die „Dunkelkammer“ des eigenen Unbewußten zu bringen und Wissen über seelisch-geistige Gesetze zu erlangen, die für das Bewußtsein so grundlegend sind, wie die Naturgesetze es für die Natur sind.

„Man kann die eigene Situation erst wirklich klären und die Ängste auflösen, wenn man sie fühlen kann, aber nicht in Diskussionen darüber. Erst dann hebt sich der Schleier, und man realisiert, was man wirklich braucht: keine Bevormunder, keine Deuter, keine Verwirrer; man braucht den Raum zum eigenen Wachstum und die Begleitung eines wissenden Zeugen – auf der langen Reise, die man angetreten hat.“

Alice Miller, Das verbannte Wissen

Weisheit wächst jedoch nur auf dem Boden der Selbsterkenntnis. Wenn wir damit beginnen, uns mit Interesse, Neugier, liebevoller Achtsamkeit und Geduld unserem Inneren zuzuwenden und Licht in die Dunkelheit „des Kellers“ – des Unbewußten – bringen, wird es uns möglich, alle verdrängten Gegenkräfte in uns selbst aufzuspüren. Jede Gegenkraft im Außen spiegelt stets eine nicht wahrgenommene Gegenkraft im Inneren der Psyche eines Menschen wider und dient somit indirekt der Selbsterkenntnis. Das ist der tiefenpsychologische Hintergrund für den Aufruf zur Feindesliebe in der Bergpredigt Jesu. Die innere Gegenkraft kann nicht – und muß auch nicht – in einem Kampf besiegt oder vernichtet werden. Vielmehr kann sie durch bewußte Wahrnehmung im Inneren und liebevolles Annehmen als zum Ganzen dazugehöriger Teil integriert werden.

Erst damit wird auch im Außen eine friedliche Koexistenz möglich.

Friedliche Koexistenz – openclipart.org (friends-2015053155)

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