Augustinus

Spät hab´ ich Dich geliebt, o Schönheit,
immer alt und immer neu, spät hab´ ich Dich geliebt!
Und sieh´, Du warst in mir;
ich aber suchte Dich draußen
und warf mich an die schönen Dinge weg,
die doch nur Deine Schöpfung sind.
Du warst bei mir; doch ich war nicht bei Dir;
die Schöpfung hielt mich fern von Dir
und hätte doch außer Dir keinen Bestand.
Du hast gerufen und geschrien, meine Taubheit zu sprengen.
Du hast geblitzt und geleuchtet, meine Blindheit zu verscheuchen.
Du hast Deinen Duft verströmt,
ich habe ihn eingeatmet und nun sehne ich mich nach Dir.
Ich habe Dich verkostet;
nun hungere und dürste ich nach Dir.
Du hast mich berührt,
und nun brenne ich vor Verlangen nach Deinem Frieden.

 

Stern

 

„Zu dir hin, o Gott, hast du uns erschaffen,
und unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“

Stern

Tanz der Befreiung

Ich lobe den Tanz,
denn er befreit den Menschen
von der Schwere der Dinge,
bindet den Vereinzelten
zu Gemeinschaft.

Ich lobe den Tanz,
der alles fordert und fördert:
Gesundheit und klaren Geist
und eine beschwingte Seele.

Tanz ist Verwandlung
des Raumes, der Zeit,
des Menschen,
der dauernd in Gefahr ist
zu zerfallen,
ganz Hirn, Wille oder Gefühl zu werden.

Der Tanz dagegen fordert
den ganzen Menschen,
der in seiner Mitte verankert ist,
der nicht besessen ist
von der Begehrlichkeit
nach Menschen und Dingen
und von der Dämonie
der Verlassenheit im eigenen Ich.

Der Tanz fordert
den befreiten, den schwingenden Menschen
im Gleichgewicht der Kräfte.
Ich lobe den Tanz.

O Mensch,
lerne Tanzen,
sonst wissen die Engel
im Himmel mit dir
nichts anzufangen.

Stern

Augustinus (354 – 430)

 

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