Jack Kornfield

In Ostafrika lebt ein Stamm, in dem die Kunst der wahren Nähe schon lange vor der Geburt gepflegt wird. In diesem Stamm ist das Geburtsdatum des Kindes nicht identisch mit der körperlichen Geburt, nicht einmal mit dem Tag der Empfängnis, wie in anderen Stammeskulturen. Für sie ist der Tag der Geburt derjenige, an dem das Kind zum erstenmal als Gedanke im Geist seiner Mutter erscheint. Mit der Bereitschaft, ein Kind von einem bestimmten zukünftigen Vater zu empfangen, verläßt die Mutter ihr Dorf und setzt sich unter einen Baum. Dort lauscht sie so lange, bis sie das Lied des Kindes hört, das sie zu empfangen hofft. Sobald sie es gehört hat, geht sie nach Hause und lehrt es den Vater, so daß sie es gemeinsam singen und das Kind einladen können, wenn sie es zeugen. Ist die Mutter schwanger geworden, singt sie es für das Kind in ihrem Leib. Dann lernen auch die Frauen und Hebammen im Dorf das Lied dieses Kindes, um es während der Entbindung und im wunderbaren Augenblick der Geburt damit begrüßen zu können. Nach der Geburt lernen alle Dorfbewohner das Lied ihres neuen Stammesmitglieds; sie singen es, wenn das Kind hinfällt und sich weh tut, und sie singen es während der Rituale und Initiationen. Dieses Lied ist auch Teil der Heiratszeremonie, wenn das Kind erwachsen ist, und am Ende seines Lebens versammeln sich seine Lieben am Totenbett und singen sein Lied ein letztes Mal.

Zitiert nach Jack Kornfield: Frag den Buddha und geh den Weg des Herzens, München 1995 (Kösel-Verlag), S. 391

Stern

Einige hilfreiche Schlußfolgerungen für unsere Praxis

1. Für die meisten Menschen ist die Meditationspraxis nicht ausreichend. Im besten Fall ist sie ein wichtiger Teil des komplexen Weges der Öffnung und des Erwachens. Ich dachte immer, Meditation führe zu den höheren und uni versaleren Wahrheiten, und daß Psychologie, Persönlichkeit und unsere „kleinen Dramen“ ein davon verschiedener, niedrigerer Bereich seien. Ich wünschte, es hätte so funktioniert, aber Erfahrung und die ungetrennte Wirklichkeit ließen diese Rechnung nicht aufgehen. Wenn wir Leiden überwinden und letzte Freiheit erreichen wollen, dann dürfen wir diese beiden Ebenen unseres Lebens nichttrennen.

2. Die unterschiedlichen Teile unseres Geistes und unseres Körpers sind für Achtsamkeit lediglich teildurchlässig. Achtsamkeit einiger bestimmter Aspekte überträgt sich nicht automatisch auf andere Aspekte, besonders wenn die Angst und die Verwundung tief gehen. Dies gilt für alle, Lehrer ebenso wie Schüler. So kommt es häufig vor, daß Meditierende, die eine tiefe Achtsamkeit des Atems oder des Körpers entwickelt haben, nahezu keinen Zugang zu ihren Gefühlen, oder daß solche, die den Geist verstehen, keine rechte Beziehung zum Körper haben. Achtsamkeit ist nur dann wirksam, wenn wir gewillt sind, unsere Aufmerksamkeit auf jeden Bereich des Leidens in uns zu richten. Das heißt nicht, wie viele befürchten, in unseren persönlichen Geschichten hängen zu bleiben. Vielmehr geht es darum, sich ihnen so zuzuwenden, damit wir uns von den großen und schmerzvollen „Blockaden“ unserer Vergangenheit tatsächlich befreien. Solch eine Heilarbeit läßt sich oft am besten in einer therapeutischen Beziehung mit einem anderen Menschen erreichen.

3. Meditation und spirituelle Übung können sehr leicht dazu gebraucht werden, Gefühle zu unterdrücken oder zu vermeiden, sowie uns vor problematischen Bereichen unseres Lebens zu drücken. Es ist schwer, an unsere Nöte zu rühren. Viele wehren sich gegen die persönlichen und psychologischen Wurzeln ihres Leidens; wirklich unseren Körper, unsere persönlichen Geschichten, unsere Begrenzungen zu erfahren, ist schmerzhaft. Es kann sogar härter sein als sich dem universalen Leiden zu stellen, das beim Sitzen aufsteigt. Wir fürchten das Persönliche und seine Nöte, weil wir nicht gelernt haben, wie es uns als Übung dienen und unser Herz öffnen kann.

Es ist nötig, unser Leben als Ganzes anzusehen und uns zu fragen: „Worin bin ich wach und was verdränge ich? Benütze ich meine Übung, um etwas zuzudecken? In welchen Bereichen bin ich bewußt und wo bin ich ängstlich, hänge fest oder bin unfrei?“

4. Im großen und ganzen sind gute westliche Therapien in vielen Bereichen des Wachstums (alte Trauer und andere unerledigte Geschäfte, Kommunikation und Beziehungsfähigkeit, Sexualität und Intimität, Karriere und Beruf, bestimmte Ängste und Phobien, frühe Wunden und mehr) viel rascher und,erfolgreicher als Meditation. Diese zentralen Aspekte unseres Seins darf man nicht einfach abtun als „Persönlichkeitswust“. Freud sagte, er wolle Menschen helfen, damit sie lieben und arbeiten können. Wenn wir nicht recht lieben und der Erde sinnvolle Arbeit geben können, wofür ist dann unsere spirituelle Praxis gut? Meditation kann dazu helfen. Aber wenn man nach einer Weile des Sitzens merkt, daß es da noch etwas zu tun gibt, finde dir eine/n gute/n Therapeuten/in oder andere Wege, um diese Dinge effektiv in Angriff zu nehmen. Es gibt natürlich viele mittelmäßige Therapeuten/innen und viele begrenzte Formen der Therapie. Man sollte sich, genau wie bei der Meditation, nach dem Besten umsehen. Es sind nach den traditionellen Psychotherapien der 40er und 50er Jahre viele neue Therapieformen entstanden, die eine starke spirituelle Grundlage haben: Psychosynthese, Atemarbeit nach Wilhelm Reich, Tonarbeit und die ganze Palette der Transpersonalen Psychologie. Wie die beste Meditationsarbeit gebraucht die beste Therapie Achtsamkeit für die Heilung des Herzens. Sie kümmert sich nicht so sehr um unsere Geschichten, als vielmehr um Furcht und Anhaftung, und wie man diese loslassen kann, um Festhalten an unnötigem Leiden, und wie man Achtsamkeit in Bereiche der Verwirrung bringt. Durch einige der Methoden Transpersonaler Psychologie kann man manchmal zu tiefsten Erkenntnissen der Selbstlosigkeit und des Nicht-Anhaftens kommen.

5. Heißt das nun, wir sollten Meditation gegen Psychotherapie eintauschen? Ganz und gar nicht. Auch Therapie ist nicht die Lösung. Bewußtheit ist es! Und Bewusstheit wächst spiralartig. Wenn du Freiheit suchst, dann ist das Wichtigste, was ich dir sagen kann, dies, daß spirituelle Praxis sich immer in Spiralen entwickelt. Es gibt dabei innere Zeiten, in denen Stille nötig ist. Auf diese folgen äußere Zeiten, in denen die Erkenntnisse der Stille ins Leben umgesetzt und integriert werden müssen. Dann gibt es auch Zeiten, wo man Hilfe erfährt durch eine tiefe therapeutische Beziehung mit einem anderen Menschen. Dies alles sind gleich wichtige Phasen der Praxis. Dabei geht es nicht darum, daß man das Selbst erst entwickeln muß, bevor man es loslassen kann. Beides geschieht vielmehr gleichzeitig. Jede Übungsperiode mag Samadhi und Stille beinhalten, worauf die Erfahrungen neuer Ebenen innerer Wunden und Familiengeschichten folgen, darauf dann vielleicht ein großes Loslassen. Und danach kommen wieder Probleme im personalen Bereich. Es ist möglich, mit allen Ebenen im Kontext spiritueller Praxis zu arbeiten. Der Mut, sich allem, was hochkommt, zu stellen, ist die Voraussetzung dafür. Nur dann können wir für uns selbst und für unseren Planeten die tiefe Heilung finden, die wir suchen.

Zusammengefasst heißt das, wir müssen die Übung so verstehen, daß sie auf das ganze Leben ausgedehnt wird. Entsprechend den Ochsenhirtenbildern des Zen54 bringt uns die spirituelle Reise tief in die Einsamkeit des Waldes und führt uns dann zurück auf den Marktplatz, wieder und wieder, bis wir fähig sind, Mitgefühl und Gewißheit des Herzens an jedem Ort zu entwickeln.

(Dieser Text wurde ins Deutsche übersetzt von Christian Hackbarth-Johnson, Dachau)

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