Eckehart, Meister

Die wichtigste Stunde ist immer die Gegenwart,
der bedeutendste Mensch ist immer der,
der Dir gerade gegenüber steht,
und das notwendige Werk ist immer die Liebe.

Stern

Von allen Erfahrungen, die du machen kannst,
ist Schmerz das schnellste Pferd,
das zu Gott führt.

Stern

Geh’ in deinen inneren Grund!
Inwendig, im Innersten der Seele:
da ist dein Leben, und da allein lebst du.

Stern

Lausche auf das Wunder,
wie wunderbar, draußen stehen und drinnen.
Begreifen und umgriffen werden,
schauen und das Geschaute selbst sein,
halten und gehalten werden –
das ist das Ziel, wo der Geist in Ruhe verharrt,
in der Einheit mit der lieben Ewigkeit.

Stern

Die Seele ist geschaffen an einem Ort
zwischen Zeitlichkeit und Ewigkeit,
in die beide sie hineinragt.
Mit ihren höchsten Kräften
rührt sie an die Ewigkeit,
aber mit ihren untersten Kräften
berührt sie die Zeitlichkeit.

Seht, so wirkt sie in der Zeit
nicht nach der Zeitlichkeit,
sondern nach der Ewigkeit,
die sie mit den Engeln gemein hat.

Stern

Im Sein dehnt sich Gottes Geist aus

Alle Geschöpfe sind Worte Gottes, Seine Musik, Seine Weise.
Heilige Bücher sind wir für die unermeßlichen Anlagen in unserer Seele.
Jede Tat offenbart Gott und trägt bei zur Ausdehnung seines Seins.
Ich weiß, daß es schwer sein mag, das nachzuvollziehen.
Alle Geschöpfe tun ihr Bestes, zur Gottesgeburt in der Seele beizutragen.
Genug gesagt für heute, denn ich gewahre Sein Wirken in mir.
Für eine Weile will ich jetzt still sein.
In meinem Herzen nehmen Worte Gestalt an.

nach Vorlage der von Daniel Ladinsky ins Englische übersetzten Fassung
wieder von mir zurück ins Deutsche übersetzt, da mir die Fundstelle
bei Meister Eckehart nicht bekannt ist.

Stern

Einst war ich Wald

Einst war ich Fluß, war Wald, war auch Feld,
war Huf und jeglicher Fuß, war Flosse und Flügel,
war der Himmel selbst.

Da war keine Frage nach Sinn und Zweck meines Daseins,
keine Vorstellung von Mangel oder Bedürftigkeit.
Nichts, was nicht von Liebe umfangen war.

Erst als ich auszog und alles verließ, was ich einst gewesen,
kamen Leiden und Qual, kamen Fragen und Angst.
Alsbald weinte ich bitterlich, weinte Tränen, die ich nie zuvor gekannt.

Schließlich kehrte ich um – kehrte zurück zum Fluß, zurück zu den Bergen,
bat inständig um ihre Einwilligung, sich wieder mit mir zu vermählen,
bat jede Erscheinung, bat jedes Geschöpf, wieder eins mit mir zu werden.

Als sie mir ihre Einwilligung schenkten,
spürte ich, daß ich Gott in meinen Armen hielt –
hier und jetzt für immer gegenwärtig.

Nicht fragte er mich: „Wo bist du gewesen?“
Heute weiß ich, daß jede Seele nur Ihn hält
– in liebender Umarmung –
immer nur Ihn.

nach Vorlage der von Daniel Ladinsky ins Englische übersetzten Fassung
wieder von mir zurück ins Deutsche übersetzt, da mir die Fundstelle
bei Meister Eckehart nicht bekannt ist.

Stern

Meister Eckehart von Hochheim, bedeutender christlicher Mystiker,
geboren ca. 1260 in Tambach bei Erfurt, verstorben im April 1328 in Avignon,
Professor an den Universitäten Paris und Köln, Prior des Erfurter Dominikanerklosters

 

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