Gott spricht …

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
daß ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Laß dir Alles geschehn:
Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen:
Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.

Gerne teile ich meine Gedanken dazu mit, die vielleicht helfen können, das wunderbare Gedicht in seiner Tiefe zu erschließen.

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
Hier ist zum Ausdruck gebracht, daß Gott wie auch der Mensch in seinem Wesen dem angehören, was ewig ist. Ewig kommt von »ehe«-wig und meint das, was immer ist, das Sein jenseits von Raum und Zeit:
das, was ist, »ehe« Raum und Zeit da sind – »ehe« Formen entstehen aus der Formlosigkeit erfüllter Leere.
Nur in der Ewigkeit spricht Gott zum Menschen.

dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Die Ewigkeit liegt für unser menschliches Bewußtsein im Dunkeln, in der Nacht, das heißt im Unbewußten. Wenn Gott schweigend mit dem Menschen aus der Nacht geht, geht er mit ihm zusammen in die Helle des Tages, die Bewußtwerdung des Unbewußten hat ihren Anfang genommen.

Aber die Worte, eh jeder beginnt, diese wolkigen Worte, sind:
Wolkige Worte sind nicht präzise definiert, sondern umhüllen ihre Bedeutung mit einem Nebel, der seine Gestalt fließend wandelt und dem Geist und der Phantasie des Hörers dieser Worte Spielraum läßt.

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
Die Sinne gehören zum Menschen als Geschöpf, zu dem, was vergänglich ist. Sie lassen im Menschen den Eindruck einer Grenze zwischen innen und außen entstehen und schaffen so die Grundlage dafür, daß die Aufmerksamkeit jedes Menschen zunächst nach außen wandert: Wir sind interessiert an der Welt, an der Bewältigung ihrer Herausforderungen.

geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
Dabei entfernen wir uns von unserer Mitte – von dem, was wir eigentlich sind – bis die Sehnsucht nach der Mitte so stark geworden ist, daß sie uns eine Grenze setzt: endlich haben wir der Sehnsucht Rand erreicht und halten inne. Wie die Sehnen des Körpers der Kraftübertragung vom Muskel auf den Knochen und damit unserer äußeren Beweglichkeit dienen, so dient die Sehnsucht der Seele unserer inneren Bewegtheit: sie überträgt die Kraft vom Zentrum des wahren Selbst auf das Ich-Bewußtsein, das eingebildete Bild, das wir von uns selbst haben. Wenn wir uns nach der verlorenen Mitte sehnen, zieht es uns mit Macht zurück in Richtung Zentrum.

gib mir Gewand.
Es reicht nicht, Gewand nur als Bekleidung zu verstehen. Gewand enthält Wand als Bestandteil, und Wand leitet sich von wenden ab. Eine Wand zwingt uns dazu, unsere Bewegungsrichtung zu wenden. Indem sich an der Sehnsucht Rand die Richtung unserer Aufmerksamkeit von außen nach innen wendet, geben wir dem Göttlichen, das uns innewohnt, Gewand.

Hinter den Dingen wachse als Brand,
Zwischen Gott und dem erschaffenen Menschen, also dem Menschen als Geschöpf, stehen die Dinge. Die Dinge sind die Objekte, alle Gegenstände unserer Wahrnehmung, Objekte nicht nur auf der physischen Ebene, sondern auch die Objekte unserer Vorstellung oder unseres Denkens. Wir Geschöpfe befinden uns aus Gottes Perspektive hinter den Dingen.
Und dort fühlen wir schließlich die Sehnsucht wie ein Feuer, das in uns brennt, wie einen Brand, der nicht mehr zu löschen ist, immer größer wird und am Ende alles verzehrt.

daß ihre Schatten, ausgespannt, immer mich ganz bedecken.
Der wachsende Brand ist es, der nicht nur einen Lichtschein wirft, sondern auch den Schatten der Dinge entstehen läßt. Für die menschliche Wahrnehmung bleibt das Göttliche verborgen im ausgespannten Schatten der Dinge.

Laß dir Alles geschehn: Schönheit und Schrecken.
Was auch immer unsere Erfahrung sei, es kommt darauf an, nicht davor zurückzuschrecken, sondern sich auf das einzulassen, was uns widerfährt.

Man muß nur gehen:
Jede Erfahrung, auf die wir uns voll und ganz eingelassen haben, bringt uns einen Schritt weiter.

Kein Gefühl ist das fernste.
Wenn wir glauben, bestimmte Gefühle lägen uns näher als andere, unterliegen wir einer Täuschung.

Laß dich von mir nicht trennen.
Auch solange wir uns als vom Ganzen getrennt erleben, unterliegen wir der Täuschung, einer Art optischer Täuschung. Es ist unsere Wahl, ob wir uns damit zufrieden geben, diesem Erleben Glauben schenken und uns als Folge davon subjektiv von Gott getrennt fühlen oder ob wir die Wahrheit herausfinden und in eigener Erfahrung überprüfen wollen.

Nah ist das Land, das sie das Leben nennen.
Das Leben ist uns näher als nah. Wie jemand, der den Wald vor lauter Bäumen nicht sieht, so nehmen wir vor lauter Dingen das Leben nicht wahr. Immer wieder verwechseln wir es mit den Lebensformen, die ja allesamt vergänglich sind. Doch obschon sich das Leben fortwährend in Formen offenbart und manifestiert, ist es selbst ohne Form.

Du wirst es erkennen an seinem Ernste.
Sobald wir dem Leben eine Form geben – und sei es auch nur eine gedankliche Form – einen kurzen Moment lang– , hat das Konsequenzen. Folgen, die nicht mehr aufzuhalten sind, die wir früher oder später erfahren werden. Das ist der Ernst des Lebens.

Gib mir die Hand.
Indem wir Gott die Hand geben, spüren wir wieder die Verbindung zum Göttlichen, die in Wirklichkeit nie unterbrochen war, und lassen uns auf dem Lebensweg von dieser wunderbaren Kraft führen.

Gott spricht zu jedem nur, eh er ihn macht,
dann geht er schweigend mit ihm aus der Nacht.
Aber die Worte, eh jeder beginnt,
diese wolkigen Worte, sind:

Von deinen Sinnen hinausgesandt,
geh bis an deiner Sehnsucht Rand;
gib mir Gewand.
Hinter den Dingen wachse als Brand,
daß ihre Schatten, ausgespannt,
immer mich ganz bedecken.

Laß dir Alles geschehn:
Schönheit und Schrecken.
Man muß nur gehen:
Kein Gefühl ist das fernste.
Laß dich von mir nicht trennen.
Nah ist das Land,
das sie das Leben nennen.
Du wirst es erkennen
an seinem Ernste.

Gib mir die Hand.

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