Wolle die Wandlung

Da Rilke sich im dem folgenden Gedicht auch auf Daphne bezieht, hier noch etwas Hintergrund-Information.

In der griechischen Mythologie ist Daphne (griechisch: „Lorbeer“) eine Bergnymphe und Priesterin der Mutter Erde. Der Gott Apollon verliebt sich unsterblich in Daphne, folgt ihr auf Schritt und Tritt und bedrängt sie. Daphne flieht vor dem liebestollen Freier, der jedoch nicht von ihr abläßt und sie verfolgt. Kurz bevor Apollon sie einholt, fleht sie ihren Vater an, er möge ihre – den Apollon reizende – Gestalt umwandeln. Als Apollon sie erreicht, hat sie sich bereits in einen Lorbeerbaum verwandelt. Seitdem ist ihm der Lorbeer heilig. Zum Gedenken an Daphne trägt er einen Lorbeerkranz oder auch eine mit Lorbeer geschmückte Leier.

Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ist´s das Erstarrte;
Wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau´s ?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe – : abwesender Hammer holt aus !

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
Und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.

Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.

Die Sonette (Klanggedichte) an Orpheus, 2. Teil, Nr. 12)

Alles Leben ist stetige Wandlung.
Fortwährende Wandlung ist eine Eigenheit des Lebens, ständig sterben Zellen unseres Körpers ab, neue werden gebildet. Im Stoffwechsel wird alte Materie, altes Material, ausgetauscht gegen neues. Unsere Einstellungen und Überzeugungen ändern sich mit der Zeit, unser Denken, unsere Gefühle, unsere Körpergestalt. Solange wir leben, ist Wandlung unvermeidlich.

Als Mensch habe ich die Wahl
Will ich diese stetige Wandlung oder will ich sie nicht, sage ich JA zu ihr oder sage ich NEIN, das ist meine Entscheidung. Auch wenn wir sie nicht wollen, können wir sie in Wirklichkeit doch nicht verhindern, aber im Bewußtsein verschließen wir uns dann vor ihr. Die stetige Wandlung hört deswegen nicht auf, sie geht weiter und wird so lediglich in den unbewußten Teil des Geistes verdrängt. In der Folge haben wir Angst, weil wir die Gegenwart des Verdrängten nicht mehr kennen, aber noch spüren. Wenn wir die stetige Wandlung wollen, sagen wir JA zu ihr, zu diesem Wesensmerkmal allen Lebens: In der Folge können wir uns dann sogar für den Zauber ständiger Wandlung als Prunk des Lebens begeistern.

Wer ist der Meister des Irdischen?
Nur der allumfassende Geist vermag das Irdische zu erschaffen und zu meistern, er vereint in sich den weiblichen Pol, auch Leibseele genannt, und den männlichen Pol, in der Tradition auch Geistseele genannt. Und dieser Meister liebt nicht die schöne Figur, die reizvolle Gestalt, sondern den Keim zu weiterer Wandlung. Verwirklichung des wahren Selbst bedeutet daher, sich in der Welt der Formen auf fortwährenden Wandel einzulassen, eine Zumutung, zu der wir Menschen uns nur dann bereit finden, wenn wir in uns auch – mit offenem Sinn tief nach innen eingetaucht – den Zugang zur unwandelbaren Stille gefunden haben – jenseits aller Formen.

Nie bleibt der Lebensfluß stehen, außer in der Erstarrung.
Jedes Festhalten an einer bestimmten Form des Lebens ist ein NEIN zu seiner fortwährenden Wandlung – zu diesem Wesensmerkmal allen Lebens – und führt unweigerlich zur Erstarrung. Und Erstarrung in einem Teilbereich ist bereits partieller Tod, vollkommene Erstarrung ist das vorläufige Ende des Lebens in der Welt, die ja eine Welt der Formen ist.

Das unscheinbare Grau und was darunter verborgen ist.
Alles Erstarrte in uns wird unscheinbar, es hat die Strahlkraft des Lebendigen verloren. Erstarrung läßt uns nicht nur hart werden, sondern provoziert die überlegene Härte des Schicksals, die das Verhärtete in uns wieder zertrümmert.

Zur Quelle werden
Wenn wir an nichts mehr festhalten, werden wir eins mit dem Fluß des Lebens, wir werden selbst zur Quelle, die sich ergießt.

Wer erkennt den zur Quelle gewordenen Menschen?
Sofern wir das, was mit dem Wort Gott gemeint ist, nicht gänzlich aus unserem bewußten Leben verbannt haben, verbinden wir es oft mit einer persönlichen Vorstellung: Gott als Übervater oder als Übermutter oder als Freund oder Geliebter. Doch mit Gott ist das Unendliche gemeint, das in keiner persönlichen Form, in keinem Bildnis, zu erfassen ist. Natürlich kann sich das Unbegrenzte in jeder erdenklichen Form – also auch persönlich – manifestieren, aber nie kann es auf irgendeine Form festgelegt werden. Die meisterhafte Formulierung Rilkes deutet diese transpersonale Dimension des Göttlichen an: „den erkennt die Erkennung“

Anfang und Ende
Mit dem Erscheinen einer neuen Form des Lebens auf der Bildfläche wird ein Zyklus im schöpferischen Geschehen abgeschlossen, während das Sterben einer alten Form oder ihr Verschwinden von der Bildfläche den Beginn eines neuen Zyklus markiert.

Glück ist Folge von Trennung
Wenn wir uns wirklich, das heißt auch innerlich, getrennt haben von den liebgewordenen Formen, dann entsteht als Folge in uns ein freier Raum, es „gelückt“ uns, die Lücke zwischen Zeit und Ewigkeit schließt sich, und wir erfahren wahres Glück.

Zum Wind werden!
Daphne, die sich zum Lorbeerbaum verwandelt hat, „will …, daß du dich wandelst in Wind.“ Hier ist nicht von jenem Opportunismus die Rede, der sein Fähnchen stets in den Wind hält und dem „mainstream“ folgt, nein, ich selbst soll mich in Wind verwandeln. Wind als bewegte Luft ist ein himmlisches Kind – Folge der Sonneneinstrahlung – und seit altersher auch ein Symbol für Geist. Es geht darum, daß ich die Folgen der Ein- bzw. Ausstrahlung der geistigen Sonne, die im innersten Kern jedes Lebewesens wie eine Flamme brennt, im Zuge der Ein- und Ausatmung als unwillkürliche Atemströmung bzw. Strömung der Lebensenergie auch in mir wahrnehme und als Bewegung auf allen Ebenen des Lebens zum Ausdruck bringe: in meinem Denken, Fühlen und Handeln.

Wolle die Wandlung. O sei für die Flamme begeistert,
drin sich ein Ding dir entzieht, das mit Verwandlungen prunkt;
jener entwerfende Geist, welcher das Irdische meistert,
liebt in dem Schwung der Figur nichts wie den wendenden Punkt.

Was sich ins Bleiben verschließt, schon ist´s das Erstarrte;
Wähnt es sich sicher im Schutz des unscheinbaren Grau´s ?
Warte, ein Härtestes warnt aus der Ferne das Harte.
Wehe – : abwesender Hammer holt aus !

Wer sich als Quelle ergießt, den erkennt die Erkennung;
Und sie führt ihn entzückt durch das heiter Geschaffne,
das mit Anfang oft schließt und mit Ende beginnt.

Jeder glückliche Raum ist Kind oder Enkel von Trennung,
den sie staunend durchgehn. Und die verwandelte Daphne
will, seit sie lorbeern fühlt, daß du dich wandelst in Wind.

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